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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Bildsäulen (Ad populum Antiochenum homiliae I-XXI [De statuis])
Erste Homilie.

1.

Habt ihr die apostolische Stimme, die Posaune vom Himmel, die geistliche Lyra gehört? Denn wie eine Posaune mit furchtbarem und kriegerischem Schalle, schlägt sie die Feinde zu Boden und richtet den gesunkenen Muth der Ihrigen auf, erfüllet die Achtsamen mit starker Zuversicht und macht sie dem Teufel unüberwindlich; und indem sie hinwieder gleich einer Lyra die Seele reichlich anregt und ergötzt, stillt sie das Leid der unordentlichen Gedanken und bringt uns nebst dem Vergnügen reichen Gewinn. Habt ihr also vernommen, über wie viele und gewichtige Dinge Paulus heute zu Timotheus redet? Denn über die Händeauflegung schreibt er an ihn mit den Worten: „Die Hände lege Niemanden voreilig auf und mache dich nicht fremder Sünden theilhaftig” 1 und stellt ihm die unerträgliche Gefahr solchen Vergehens dadurch vor Augen, daß er zeigt, wie für die von den Einen verübten Ungerechtigkeiten Andere die Strafe ausstehen werden in Gemeinschaft mit Jenen, weil sie durch die Händeauflegung der Bosheit die Gewalt verleihen. Dann sagt er weiter: „Genieße ein wenig Wein um deines Magens und deiner häufigen Krankheiten willen.” 2 Auch von der Unterthänigkeit der Knechte und dem Wahnsinne der Geizigen und dem Übermuthe der Reichen und von vielem Andern hat er heute zu uns geredet. Da es nun unmöglich ist, Alles durchzugehen, so sagt, was wir von dem Angeführten vornehmen sollen, um darüber zu eurer Liebe zu sprechen! Denn wie auf einer Wiese sehe ich in dem verlesenen Abschnitte viele und mannigfaltige Blumen, sowohl viel Rosengebüsch als auch viele Veilchen und nicht [S. 13] weniger Lilien; aber auch überall und reichlich ist die mannigfache Frucht des Geistes ausgestreut, und des Wohlgeruches ist viel; oder aber besser gesagt: Nicht nur eine Wiese, sondern auch ein Garten ist die Lesung der göttlichen Schriften. Denn diese Blumen haben nicht einen bloßen Wohlgeruch nur, sondern auch eine Frucht, welche die Seele zu nähren vermag. Was wollt ihr, daß wir euch heute von dem Angegebenen vorführen? Wollt ihr, daß wir Dasjenige, was von Allem das Geringste zu sein scheint, und was Jeder ohne weiters versteht, gegenwärtig behandeln? Mir ist das recht, und euch sagt es zu, wie ich wohl weiß. Was ist nun das Unerheblichste von Allem? Was Anderes, als was auch der Geringste für leicht verständlich erachtet und ohne Mühe nachspricht? Was ist nun das? „Genieße ein wenig Wein um deines Magens und deiner häufigen Krankheiten willen.”

Wohlan denn, so laßt uns die ganze Unterredung auf diesen Spruch verwenden! Wir thun aber das nicht aus Ehrgeiz und nicht in der Absicht, um zu beweisen, was wir im Reden vermögen (denn was wir sagen, ist nicht das Unsere, sondern was die Gnade uns eingibt), sondern um die leichtsinnigen Zuhörer aufzuwecken und zu überzeugen, wie groß der Schatz der Schrift, und wie es nicht gerathen noch gefahrlos ist, darüber hinwegzulaufen. Denn wenn es sich zeigt, daß dieser schlichte und leichtverständliche Spruch, der den Meisten nichts Nothwendiges zu enthalten scheint, uns Gelegenheit zu großer Bereicherung bietet und eine Quelle der höchsten Weisheit wird: so werden diejenigen (Aussprüche der Schrift), welche die ihnen inwohnende Fülle von selber offenbaren, um soviel mehr die Achtsamen mit unzähligen Schätzen erfüllen. Laßt uns also auch über die scheinbar unwichtigen Stellen der Schrift nicht hinwegeilen; denn auch diese stammen aus der Gnade des Geistes. Des Geistes Gnade aber ist nie klein und gering, sondern groß und wunderbar und des reichen Spenders würdig. Hören wir also nicht nur so nebenbei darauf, weil ja auch die Bearbeiter der Erze, wenn sie diese in den Schmelzofen werfen. [S. 14] nicht nur die Klumpen Goldes aufheben, sondern auch die kleinen Stücklein mit Emsigkeit sammeln. Da nun auch wir Gold kochen, das wir aus dem apostolischen Bergwerk entnehmen, aber es nicht in einen Schmelzofen werfen, sondern in das Verständniß eurer Seele hineinlegen, und nicht eine (irdische) Flamme entzünden, sondern das Feuer des Geistes anfachen: so laßt uns mit großer Sorgfalt auch die kleinen Körnchen sammeln. Denn obschon der Spruch kurz ist, so hat er doch eine gewaltige Kraft. Es besteht ja auch der den Perlen eigene Werth nicht in der Masse des Stoffes, sondern im Wesen ihrer Schönheit. So verhält es sich auch mit der Lesung der göttlichen Schriften. Denn die Unterweisung der Welt macht sich zwar oft mit eitlen Possen zu schaffen und schickt die Zuhörer mit reichlichem Wortschwall übergossen, und ohne sie mit irgend etwas Gutem, sei es groß oder klein, befruchtet zu haben, mit leeren Händen von dannen; aber die Gnade des Geistes nicht also; sondern ganz im Gegentheil bietet sie durch geringe Worte Allen, die darauf Acht haben, Weisheit, und oft reicht es hin, nur einen Spruch von hier mitzunehmen, um daran eine Zehrung für das ganze Leben zu haben.

1: I. Tim. 5, 22.
2: Ebend. V. 23.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger