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Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)
Viertes Buch

LV. Kapitel: Was den Seelen nach dem Tode zur Freisprechung verhelfen kann; von einem Presbyter von Centumcellä und von der Seele des Mönches Justus

Petrus. Kann es nun etwas geben, was den Seelen der Verstorbenen zu helfen vermag?

Gregorius. Wenn die Sünden nach dem Tode nicht untilgbar sind, so pflegt die Darbringung des heiligen Opfers den Seelen auch noch nach dem Tode viel zu nützen, so zwar, daß die Seelen der Verstorbenen es selbst manchmal erbitten. So versichert der erwähnte1 Bischof Felix, von einem ehrwürdigen Priester, der noch vor zwei Jahren lebte, in der Diözese Centumcellä2 wohnte und Vorsteher der Kirche in Tauriana3 war, folgendes Ereignis erfahren zu haben. Dieser Priester pflegte dort an einer Stelle, wo heiße Wasser starke Dämpfe aufsteigen lassen, so oft es seine Gesundheit erforderte, ein Bad zu nehmen. Als er einmal das Bad betrat, fand er dort einen Unbekannten, der sich anschickte, ihn zu bedienen. Er zog ihm die Schuhe aus, nahm ihm die Kleider ab, reichte ihm beim Verlassen des Bades das Leintuch und besorgte jeden Dienst mit großem Eifer. Als sich das öfter wiederholte und der Priester wieder einmal in das Bad gehen wollte, sagte er zu sich selbst: „Ich darf gegen den Mann, der mich stets so aufmerksam im Bade bedient, nicht undankbar sein, sondern ich muß ihm etwas zum Geschenk mitbringen.” Darauf nahm er zwei Opferkränze4 zu sich. [S. 264] Als er in das Bad kam, war der Mann wieder da, und er ließ sich von ihm wie bisher in allem bedienen. Er badete also, und als er nach dem Ankleiden im Begriffe stand, den Ort zu verlassen, bot er das Mitgebrachte dem dienstfertigen Mann zum Geschenk an mit der Bitte, er möge freundlich annehmen, was er ihm in Liebe gebe. Aber der Mann antwortete ihm voll tiefer Trauer: „Vater, warum gibst du mir das? Dieses Brot ist heilig, ich kann davon nicht essen. Denn ich, den du hier vor dir siehst, ich war einst der Herr dieses Ortes, aber wegen meiner Sünden bin ich nach dem Tode hierher gewiesen worden. Wenn du mir aber helfen willst, so opfere dieses Brot für mich dem allmächtigen Gott als Sühne für meine Sünden. Und daran sollst du erkennen, daß du erhört wurdest, wenn du hierher zum Baden kommst und mich nicht mehr findest.” Mit diesen Worten verschwand er, und der ein Mensch zu sein schien, gab sich durch sein Verschwinden als einen Geist zu erkennen. Der Presbyter aber tat für ihn unter Tränen eine ganze Woche Buße, brachte für ihn täglich das heilige Opfer dar und fand ihn dann nicht mehr, als er wieder ins Bad kam. Daraus sieht man, wie sehr die Darbringung des heiligen Opfers den Seelen nützt, da die Seelen der Verstorbenen die Lebenden darum bitten und Zeichen angeben, aus welchen man ihre Erlösung erkennen kann.

Ich meine, ich darf auch das nicht verschweigen, was sich vor drei Jahren, wie ich mich erinnere, in meinem Kloster zutrug. Ein Mönch namens Justus war in der Arzneikunde bewandert und leistete mir, da ich mich in demselben Kloster befand, viele Dienste; auch pflegte er mich bei meinen beständigen Körperleiden zu behandeln. Er wurde aber von einer Krankheit befallen und kam zum Sterben. Hierbei diente ihm sein leiblicher Bruder namens Copiosus, der jetzt noch hier in der Stadt in der Ausübung der Heilkunde seine zeitliche Existenz findet. Als aber der genannte Justus sah, daß [S. 265] es mit ihm zu Ende ging, verriet er seinem Bruder Copiosus, daß er heimlich drei Goldstücke besitze. Den Brüdern konnte dies natürlich nicht verborgen bleiben, sondern sie forschten sorgfältig nach, durchsuchten all seine Arzneien und fanden die drei Goldstücke in einem Heilmittel versteckt. Alsbald wurde mir die Sache mitgeteilt, und ich konnte etwas so Schlimmes von einem Bruder, der gemeinschaftlich mit uns lebte, nicht gleichgültig hinnehmen; denn bei uns im Kloster galt immer die Regel, so in Gemeinschaft zu leben, daß keiner etwas Eigenes besitzen durfte. Tief betrübt dachte ich darüber nach, was ich tun könnte, um den Sterbenden zur Buße zu bringen und um den Lebenden ein abschreckendes Beispiel zu geben. Ich ließ also Pretiosus, den Prior des Klosters, zu mir kommen und sagte zu ihm: „Laß keinen von den Brüdern zu dem Sterbenden; er soll aus ihrem Munde kein Wort des Trostes vernehmen; und falls er beim Sterben nach den Brüdern verlangen sollte, so soll ihm sein leiblicher Bruder sagen, daß er wegen der Goldstücke, die er heimlich in Besitz hatte, von allen Brüdern gemieden werde, damit er wenigstens beim Tode bittere Reue über seinen Fehler empfinde und so sein Herz von der begangenen Sünde reinige. Nach seinem Tode aber soll sein Leichnam nicht auf dem Be gräbnisplatze der Brüder beerdigt werden, sondern machet irgendwo bei der Düngerstätte eine Grube, werfet den Leichnam hinein, werfet die drei Goldstücke, die er hinterlassen hat, auf ihn und rufet dabei alle zusammen: ‘Dein Geld sei mit dir zum Verderben!’5 Und dann deckt ihn mit Erde zu.” Durch diese Anordnung wollte ich einerseits dem Sterbenden, andrerseits den lebenden Brüdern nützen; jenem sollte die Bitterkeit seines Todes die Befreiung von seiner Sünde bringen, diese sollte eine so strenge Verurteilung der Habsucht von der Nachahmung des Fehlers abschrecken. Und so geschah es auch. Denn als der Mönch dem Tode näher kam und [S. 266] inständig nach den Brüdern verlangte, um sich ihnen zu empfehlen, keiner aber zu ihm kommen und mit ihm reden wollte, sagte ihm sein leiblicher Bruder, warum er von allen gemieden werde. Da seufzte er aus tiefster Seele wegen seiner Schuld und verschied in seiner Betrübnis; er wurde begraben, wie ich gesagt hatte. Die Brüder aber waren alle durch diese Strafe erschüttert, und einer nach dem andern brachte die kleinen und wertlosen Dinge, die sie nach der Regel hätten behalten dürfen, voll Furcht, sie könnten etwas Unrechtes bei sich haben. Als nun nach seinem Tode schon dreißig Tage vergangen waren, empfand mein Gemüt Mitleid mit dem verstorbenen Bruder; mit großem Schmerz dachte ich an seine Qualen und suchte nach einem Mittel, ihn zu befreien. Ich rief deshalb Pretiosus, den Prior unseres Klosters, zu mir und sagte voll Trauer zu ihm: „Lange ist es nun schon her, daß der verstorbene Bruder im Feuer gepeinigt wird; wir müssen ihm ein Werk der Liebe zuwenden und ihm, so gut wir können, dazu verhelfen, daß er erlöst wird. Geh also hin und bringe für ihn an dreißig Tagen nacheinander das heilige Opfer dar, so daß gewiß kein Tag ausfällt, an dem nicht für ihn das heilige Opfer gefeiert wird.”6 Pretiosus tat, wie ihm gesagt worden. Während wir nun an andere Dinge dachten und die Tage nicht zählten, erschien der verstorbene Bruder einmal nachts seinem leiblichen Bruder Copiosus in einem Gesichte. Als dieser ihn erblickte, fragte er ihn: „Was gibt es, Bruder, wie geht es dir?” „,Bisher”, antwortete er, „erging es mir schlecht, aber jetzt befinde ich mich wohl; denn heute wurde ich in die Gemeinschaft aufgenommen.” Sogleich teilte Copiosus dies den Brüdern im Kloster mit. Die Brüder zählten aufmerksam die Tage nach, und siehe, es war gerade der Tag, an welchem für ihn zum dreißigsten Mal das Opfer dargebracht wurde. Während nun Copiosus nichts davon wußte, was die [S. 267] Brüder taten, und die Brüder nicht wußten, was Copiosus gesehen, erfuhr zu ein und derselben Zeit Copiosus, was die Brüder getan, und erfuhren diese, was Copiosus gesehen; es stimmten Gesicht und Opfer miteinander überein, und es war klar, daß der verstorbene Bruder durch das heilige Meßopfer der Pein entrann.

1: IV. Buch, 51. Kap.
2: Civitavecchia
3: Die griechische Übersetzung hat Ταυϱιάνα, die Augsburger Inkunabel Taffriana. Ob nicht die heutigen Terme di Traiano, 1 1/2 Stunden östlich von Civitavecchia, gemeint sind?
4: d. h. Brot in der Form eines Kranzes, das von den Gläubigen bei der Opferung dargebracht worden war. Diese Form des besseren Brotes findet sich heute noch häufig in Italien.
5: Apg 8,20
6: Ursprung der sog. Gregorianischen Messen

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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