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Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)
Viertes Buch

XIV. Kapitel: Von dem Hingang des gichtkranken Servulus1

Dabei muß man wissen, daß beim Scheiden der Auserwählten oft süße himmlische Lobgesänge erschallen, [S. 204] so daß sie vor Freude daran die Trennung der Seele vom Leibe nicht fühlen. Ich erinnere mich, davon schon in den Evangelien-Homilien2 erzählt zu haben, daß sich in der Säulenhalle, durch die man zu der Kirche des heiligen Clemens geht, ein gewisser Servulus aufhielt, dessen auch du dich ohne Zweifel erinnerst. Er war zwar arm an Vermögen, aber reich an Verdiensten, und eine langwierige Krankheit hatte ihn ganz hinfällig gemacht. Denn soweit wir uns an ihn erinnern können, lag er bis zum Ende seines Lebens gichtkrank darnieder. Ja, was sage ich, daß er nicht stehen konnte, konnte er doch sich niemals im Bette in die Höhe richten oder aufsitzen, nie die Hand zum Munde führen, nie sich auf die andere Seite legen. Seine Mutter und sein Bruder bedienten ihn und alles Almosen, das er erhielt, ließ er durch sie an die Armen verteilen. Er hatte nie lesen gelernt, kaufte sich aber die Bücher der Heiligen Schrift; und da er häufig fromme Männer beherbergte, ließ er sich von ihnen fleißig daraus vorlesen. Auf diese Art brachte er es dahin, daß er die Heilige Schrift vollständig kennenlernte, obwohl er, wie gesagt, keinen Buchstaben kannte. Bei seinen Schmerzen bemühte er sich immer, Gott Dank zu sagen und sich Tag und Nacht im Lobe Gottes zu üben. Als aber die Zeit kam, da seine große Geduld belohnt werden sollte, schlug sich der Schmerz von den Gliedern auf die inneren Teile. Sein nahes Ende erkennend, bat er die bei ihm weilenden Pilger und Gastfreunde, sie möchten aufstehen und mit ihm Psalmen singen und so sein Ende erwarten. Während er nun sterbend mit ihnen psallierte, unterbrach er plötzlich den Psalmengesang mit dem erschrockenen Ruf: „Seid still! Hört ihr nicht, was für laute Loblieder im Himmel erklingen?” Und während er so mit dem inneren Ohre den Lobgesängen lauschte, schied die heilige Seele vom Leibe. Bei ihrem Hinscheiden verbreitete sich ein so starker Wohlgeruch, daß alle Anwesenden [S. 205] dessen unbeschreibliche Süßigkeit einatmeten und daraus deutlich erkannten, daß dieser Gesang ihn im Himmel empfangen habe. Einer unserer Mönche, der noch lebt, war dabei zugegen und pflegt unter vielen Tränen zu bezeugen, daß jener starke Wohlgeruch bis zum Begräbnis nicht aus der Nase entschwand.

1: Martyrol. 23. Dezember
2: 15. Homilie, 5. Migne P.L. LXXVI, 1133

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger