Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum) Zweites Buch
XXXII. Kapitel: Von einer Totenerweckung Eines Tages war er mit den Brüdern zu Feldarbeiten ausgegangen. Da kam ein Landmann zum Kloster, der den Leichnam seines Sohnes auf den Armen trug und der voll Trauer wegen seines Verlustes den Vater Benedikt suchte. Als ihm bedeutet wurde, daß er mit den Brüdern auf dem Felde sei, legte er den Leichnam vor der Klosterpforte nieder und lief schmerzverwirrt eilends weg, um den ehrwürdigen Vater zu suchen. Zu derselben Stunde aber befand sich der Mann Gottes mit den Brüdern bereits auf dem Heimweg von der Feldarbeit. Sobald ihn der seines Kindes beraubte Landmann erblickte, fing er an zu rufen: „Gib mir meinen Sohn wieder, gib mir meinen Sohn wieder!” Auf diesen Ruf hin blieb der Mann Gottes stehen und sprach: „Habe etwa ich dir [S. 96] deinen Sohn genommen?” Worauf jener erwiderte: „Er ist gestorben; komm’, mache ihn wieder lebendig!” Da dies der Diener Gottes vernahm, wurde er sehr betrübt und sprach: „Gehet, Brüder, gehet! Das ist nicht eine Sache für uns, sondern für heilige Apostel. Warum wollt ihr uns Lasten auferlegen, die wir nicht zu tragen vermögen?” Jener aber bestand in seinem großen Schmerze auf der Bitte und schwur, er werde nicht eher von dannen gehen, bis er seinen Sohn auferweckt habe. Da fragte ihn der Diener Gottes: „Wo ist er?” Jener antwortete darauf: „Siehe, sein Leichnam liegt vor der Klosterpforte.” Als der Mann Gottes mit den Brüdern dort angelangt war, kniete er sich nieder, legte sich über die kleine Leiche des Kindes und erhob, sich wieder aufrichtend, die Hände zum Himmel mit den Worten: „Herr, sieh nicht auf meine Sünden, sondern auf den Glauben dieses Mannes, der bittet, daß sein Sohn wieder zum Leben erweckt werde, und gib in diesen kleinen Leib die Seele zurück, die du hinweggenommen hast!” Kaum hatte er so gebetet und schon kehrte die Seele zurück, und das ganze Körperchen des Kindes erzitterte so, daß alle Anwesenden mit eigenen Augen sahen, wie eine wunderbare Erschütterung es durchlief. Er ergriff den Knaben bei der Hand und gab ihn dem Vater lebendig und gesund zurück. Es ist klar, o Petrus, daß er dieses Wunder nicht in seiner Gewalt hatte, da er kniefällig bat, es wirken zu können. Petrus. Daß alles so ist, wie du gesagt, ist klar und offenbar, weil du deine Behauptung durch Tatsachen beweisest. Aber ich bitte dich, sag’ mir, ob die heiligen Männer alles vermögen, was sie wollen, und ob sie durch das Gebet alles erreichen, was sie zu erlangen wünschen. [S. 97]
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