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Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)
Zweites Buch

XXIII. Kapitel: Von gottgeweihten Frauen, welche nach ihrem Tode durch ein Opfer von ihm wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen wurden

Gregorius. Selbst seine gewöhnliche Rede, Petrus, entbehrte kaum des Gewichtes höherer Kraft. Denn da sein Herz in den Höhen schwebte, ging kein leeres Wort aus seinem Munde hervor. Ja, wenn er einmal etwas nicht ganz bestimmt, sondern nur drohungsweise aussprach, hatte seine Rede eine solche Kraft, als ob er es nicht zweifelnd oder bedingt, sondern schon in Form eines Urteils vorgebracht hätte. So lebten nicht weit von seinem Kloster zwei gottgeweihte, aus vornehmem Geschlecht stammende Frauen in einem Hause beisammen, und ein frommer Mann diente ihnen für die [S. 86] Bedürfnisse des äußeren Lebens.1 Manchmal aber kommt es vor, daß eine adelige Geburt eine unadelige Gesinnung hervorbringt, und daß solche nicht gerne in dieser Welt gering von sich denken, die sich erinnern, daß sie mehr als andere waren. So hatten auch diese gottgeweihten Frauen ihre Zunge noch nicht ganz in ihrer Gewalt und reizten jenen frommen Mann, der ihnen für die äußern Bedürfnisse Dienste leistete, durch unbedachte Reden oftmals zum Zorne. Lange ertrug es dieser, bis er endlich zu dem Manne Gottes ging und ihm erzählte, welche Schimpfreden er über sich ergehen lassen müsse. Als der Mann Gottes dieses hörte, ließ er ihnen sagen: „Haltet eure Zunge im Zaum! Wenn ihr euch darin nicht bessert, schließe ich euch von der Gemeinschaft aus!” Er sprach also die Exkommunikation nicht aus, sondern drohte sie bloß an. Diese aber änderten an ihren alten Gewohnheiten nichts, starben innerhalb weniger Tage und wurden in der Kirche begraben. Als nun in jener Kirche das Hochamt gefeiert wurde und der Diakon nach Gewohnheit rief: „Wer nicht teilnimmt, der mache Platz!”, da sah ihre Amme, die für sie die Opfergabe dem Herrn darzubringen pflegte,2 wie sie aus ihren Gräbern hervorgingen und sich aus der Kirche entfernten. Da sie dies öfters sah, wie sie auf den Ruf des Diakons hinausgingen und nicht in der Kirche bleiben konnten, erinnerte sie sich an die Drohung, die ihnen der Mann Gottes hatte zugehen lassen, als sie noch am Leben waren. Er hatte nämlich gesagt, daß er ihnen die Kirchengemeinschaft entziehen werde, wenn sie sich in ihren Sitten und Reden nicht bessern würden. Mit großer Betrübnis meldete man die Sache dem Diener Gottes, der sogleich mit eigener Hand eine Opfergabe darreichte [S. 87] und sprach: „Gehet und laßt diese Opfergabe für dem Herrn darbringen, und sie werden nicht länger aus der Gemeinschaft ausgeschlossen sein.” Als diese Opfergabe für sie dargebracht worden war und vom Diakon der Sitte gemäß gerufen wurde, es sollten die, die nicht teilnehmen, die Kirche verlassen, sah man sie nicht mehr aus der Kirche hinausgehen. Dadurch wurde zweifellos klar, daß sie durch den Diener des Herrn vom Herrn die Kirchengemeinschaft zurückerhalten hatten, da sie sich nicht mehr mit denen, die der Teilnahme beraubt sind, entfernten.

Petrus. Wie muß man sich wundern, daß ein, wenn auch ehrwürdiger und überaus heiliger Mann, der aber doch noch im verweslichen Fleische lebte, Seelen befreien konnte, die schon vor das unsichtbare Gericht gestellt waren!

Gregorius. Petrus! Lebte etwa derjenige nicht im Fleische, der das Wort hörte: „Was immer du binden wirst auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden sein; und was immer du lösen wirst auf Erden, das soll auch im Himmel gelöst sein?”3 An seiner Statt binden und lösen jetzt diejenigen, die das heilige Hirtenamt in Glaube und Sitten ausüben. Aber damit der Erdenmensch solche Macht besitzen könne, kam der Schöpfer Himmels und der Erde vom Himmel auf die Erde herab, und damit das Fleisch auch über die Geister richten könne, hat diese Macht ihm verleihen wollen der für die Menschen Fleisch gewordene Gott; wie unsere Schwäche sich über sich selbst erhoben hat, so hat die Stärke Gottes sich selbst erniedrigt und ist schwach geworden.

Petrus. Die Wunderkraft ist gut erklärt.

1: Häufig führten mehrere Personen zusammen ein gemeinschaftliches geistliches Leben, ohne ein eigentliches Kloster zu bilden.
2: Wer kommunizieren wollte, brachte beim Offertorium die Opfergabe dar; hier pflegte das die Amme für die beiden Frauen zu tun.
3: Mt 16,19

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger