Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum) Zweites Buch
XXI. Kapitel: Wie zur Zeit einer Hungersnot zweihundert Scheffel Mehl vor dem Kloster des Gottesmannes gefunden wurden Ein andermal herrschte in jener Gegend Kampaniens eine Hungersnot, und schwer lastete die Lebensmittelnot auf allen. Im Kloster Benedikts war bereits der Weizen ausgegangen; auch waren schon fast alle Brote verzehrt, so daß für die Essenszeit nur mehr fünf für die Brüder vorhanden waren. Da nun der ehrwürdige Vater Benedikt die Brüder in Betrübnis sah, suchte er ihre Kleinmütigkeit durch sanften Tadel zu rügen und sie durch eine Verheißung wieder zu ermutigen, indem er sprach: „Warum ist euer Herz wegen des Brotmangels betrübt? Heute ist zwar nur wenig vorhanden, morgen aber werdet ihr Überfluß haben.” Des andern Tages fand man wirklich zweihundert Scheffel Mehl in Säcken vor der Klostertüre. Durch welche Hände der allmächtige Gott sie schickte, ist bis zum heutigen Tag noch unbekannt. Als die Brüder dies sahen, dankten sie dem allmächtigen Gott und zogen aus dem erhaltenen Überfluß die Lehre, daß man auch in der Not nicht verzagen dürfe. Petrus. Sag’, ich bitte dich, ist anzunehmen, daß der Geist der Weissagung diesem Diener Gottes immer zu Gebote stand? Oder erfüllte der Geist der Weissagung seine Seele nur von Zeit zu Zeit? Gregorius. Der Geist der Weissagung, Petrus, leuchtet den Seelen der Propheten nicht immer. Denn [S. 83] da vom Heiligen Geist geschrieben steht: „Er weht, wo er will”,1 so muß man auch wissen, daß er weht, wann er will. Daher kommt es, daß Nathan auf die Frage des Königs, ob er den Tempel bauen könne, zuerst zustimmte, hernach aber den Bau untersagte.2 Daher kommt es, daß Elisäus, als er das Weib weinen sah und den Grund ihrer Tränen nicht wußte, zu dem Diener, der sie fernhalten wollte, sprach: „Laß sie! Denn ihre Seele ist betrübt, und der Herr hat's vor mir verborgen und mir nicht angezeiget.”3 In großer Güte ordnet dies so der allmächtige Gott; denn dadurch, daß er den Geist der Weissagung bisweilen gibt und bisweilen entzieht, erhebt er die Herzen der Weissagenden einerseits zur Höhe empor, andererseits bewahrt er sie in der Demut, so daß sie, wenn sie den Geist empfangen, finden, was sie aus Gott sind, und wiederum, wenn sie den Geist der Weissagung nicht haben, erkennen, was sie aus sich selbst sind. Petrus. Daß es so ist, wie du behauptest, dafür spricht laut die gute Begründung. Aber, ich bitte, erzähle weiter, was du von dem ehrwürdigen Vater Benedikt noch weißt.
1: Joh 3,8 2: 2 Kön 7,3ff 3: 4 Kön 4,27
|