Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum) Zweites Buch
XX. Kapitel: Der Mann Gottes sieht die stolzen Gedanken eines Mönches Einmal nahm der ehrwürdige Vater, als es schon Abend war, sein Nachtmahl zu sich, und ein Mönch, der Sohn eines Defensors,1 stand vor dem Tisch und hielt das Licht. Während nun der Mann Gottes speiste und er so mit dem Lichte dastand, fing er an, im Geiste des Stolzes stillschweigend in seinem Herzen zu grübeln und in Gedanken zu sprechen: „Wer ist dieser, vor dem ich beim Essen stehen, das Licht halten und Dienst tun muß? Wer bin ich denn, daß ich ihn bedienen muß?” Da wandte sich der Mann Gottes zu ihm und zankte ihn heftig mit den Worten: „Bezeichne dein Herz mit dem Kreuze, Bruder! Was redest du doch? Bezeichne dein Herz!” Sogleich rief er die Brüder, ließ ihm das Licht aus der Hand nehmen, befahl ihm, den Dienst abzutreten und während der Essenszeit ruhig hinzusitzen. Als ihn die Brüder fragten, was er denn im Herzen gehabt habe, erzählte er der Reihe nach, wie der [S. 82] Geist des Stolzes ihn aufgereizt und welche Worte er heimlich gegen den Mann Gottes in Gedanken gesprochen habe. Da wurde es allen klar, daß dem ehrwürdigen Benedikt nichts verborgen bleiben könne, wenn ihm schon die in Gedanken gesprochenen Worte zu Ohren kamen.
1: S. I. Buch S. 18
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