Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum) Zweites Buch
XIX. Kapitel: Der Mann Gottes sieht, wie einer Tüchlein als Geschenk annimmt Nicht weit vom Kloster lag ein Dorf, in welchem eine nicht unbedeutende Anzahl Leute durch Benedikts Ermahnung vom Götzendienst zum wahren Glauben bekehrt worden war. Dort wohnten auch einige gottgeweihte Frauen, und Benedikt, der Diener Gottes, pflegte häufig Brüder dorthin zu schicken, um den Seelen geistigen Zuspruch zu geben. Eines Tages schickte er wie gewöhnlich jemanden dorthin; allein der Mönch, der gesandt worden war, nahm, nachdem er seine [S. 81] Ermahnung beendigt hatte, auf die Bitte der Klosterfrauen von ihnen Tüchlein in Empfang und verbarg sie in seinem Busen. Als er zurückkehrte, machte ihm der Mann Gottes die heftigsten und schärfsten Vorwürfe, indem er sprach: „Wie konnte Ungerechtigkeit in deinem Busen Eingang finden?” Jener war ganz erstaunt; denn er hatte vergessen, was er getan, und wußte nicht, weshalb er gescholten wurde. Darauf sagte der Heilige: „Meinst du etwa, ich sei nicht dabei zugegen ge wesen, wie du von den Dienerinnen Gottes Tüchlein annahmst und sie in den Busen stecktest?” Da fiel er vor ihm nieder, bereute seine törichte Handlung und warf die Tüchlein, die er im Busen verborgen hatte, weg.
|