Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)
Zweites Buch

XVI. Kapitel: Von einem Kleriker, der vorübergehend vom bösen Geist befreit wurde

Um dieselbe Zeit wurde ein Kleriker der Kirche zu Aquino von einem bösen Geiste gequält. Derselbe wurde [S. 76] von dem ehrwürdigen Konstantius, dem Bischof der Kirche, viel an Märtyrergräber geschickt, um Heilung zu finden. Aber die heiligen Märtyrer Gottes wollten ihm nicht die Gabe der Gesundheit verleihen, um zu zeigen, welch große Gnade in Benedikt wohne. Er wurde also zu Benedikt, dem Diener des allmächtigen Gottes, geführt. Dieser betete zu dem Herrn Jesus Christus und trieb den bösen Geist sogleich von dem Besessenen aus. Dem Geheilten aber befahl er: „Gehe und iß von nun an kein Fleisch mehr und wage es niemals, dir eine höhere Weihe geben zu lassen; an dem Tage aber, an welchem du den Frevel wagen solltest, eine höhere Weihe zu empfangen, wirst du sogleich wieder der Gewalt des Teufels verfallen.” Gesund ging der Kleriker von dannen, und da eine Strafe, die noch frisch im Andenken ist, das Gemüt in Schrecken hält, beobachtete er zunächst alles, was ihm der Mann Gottes befohlen hatte. Als aber nach vielen Jahren alle Geistlichen, die älter waren als er, aus diesem Leben geschieden waren, und er sehen mußte, daß jüngere als er durch die heiligen Weihen seine Vorgesetzten wurden, setzte er die Worte des Mannes Gottes hintan, gleich als hätte er sie wegen der Länge der Zeit vergessen, und stellte sich zum Empfang der höheren Weihe. Da befiel ihn sogleich wieder der böse Feind, der ihn hatte verlassen müssen, und hörte nicht auf, ihn zu peinigen, bis er seine Seele zum Verlassen des Leibes genötigt hatte.

Petrus. Dieser Mann drang, wie ich sehe, auch in die göttlichen Geheimnisse ein, weil er sah, daß dieser Kleriker deshalb dem Teufel übergeben wurde, damit er nicht wage, sich zur höheren Weihe zu stellen.

Gregorius. Warum sollte der die Geheimnisse Gottes nicht kennen, der die Gebote Gottes beobachtete, da geschrieben steht: „Wer dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm.”1

Petrus. Wenn der mit dem Herrn ein Geist wird, [S. 77] der dem Herrn anhängt, warum sagt ein andermal derselbe herrliche Prediger: „Wer hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen?”2 Denn es sollte sehr befremden, daß man den Sinn dessen nicht erkenne, mit welchem man eins geworden ist.

Gregorius. Insoweit die heiligen Männer mit Gott eins sind, ist ihnen der Sinn des Herrn nicht unbekannt. Denn derselbe Apostel sagt auch: „Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm selbst ist? So auch erkennt keiner, was Gottes ist, als nur der Geist Gottes.”3 Um zu zeigen, daß er wisse, was Gottes ist, fügt er bei: „Wir aber haben nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist.”4 Darum sagt er auch: „Was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben, das hat er uns geoffenbart durch seinen Geist.”5

Petrus. Wenn also demselben Apostel das, was Gottes ist, durch den Geist Gottes geoffenbart wurde, wie konnte er dem, was ich angeführt habe, die Worte vorausschicken: „O Tiefe des Reichtums der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und wie unerforschlich seine Wege?”6 Aber indem ich dieses sage, kommt mir wieder ein anderes Bedenken. Denn der Prophet David spricht zu dem Herrn: „Mit meinen Lippen sprech’ ich aus alle Rechte deines Mundes.”7 Da nun das Erkennen weniger ist als das Aussprechen, warum versichert Paulus, die Gerichte Gottes seien unbegreiflich, und warum bezeugt David, daß er dies alles nicht bloß erkenne, sondern auch mit seinen Lippen ausspreche?

Gregorius. Auf beide Bedenken habe ich dir schon vorher in Kürze geantwortet, indem ich sagte, daß heilige Männer den Sinn des Herrn erkennen, insoweit sie mit [S. 78] dem Herrn eins sind. Denn alle, welche mit Hingebung dem Herrn folgen, sind durch ihre Hingebung mit Gott verbunden; insofern sie aber noch durch die Last des verweslichen Fleisches niedergedrückt werden, sind sie nicht mit Gott verbunden. Sie kennen also die Geheimnisse Gottes, insoweit sie mit ihm verbunden sind; insoweit sie aber von ihm getrennt sind, kennen sie diese nicht. Weil sie also die Geheimnisse Gottes nicht vollkommen durchschauen, sagen sie, seine Gerichte seien unbegreiflich; weil sie aber im Herzen ihm anhängen und durch dieses Anhängen oder durch die Aussprüche der Heiligen Schrift oder durch geheime Offenbarungen, wenn sie solche erhalten, ihn erkennen, kennen sie auch diese Gerichte und sprechen sie aus. Sie kennen also die Gerichte, die Gott mit Schweigen bedeckt, nicht; die er aber offenbart, die kennen sie. Darum fügt David seinen Worten: „Mit meinen Lippen sprech’ ich aus alle Rechte” sogleich bei: „deines Mundes”, als wollte er deutlich sagen: Jene Gerichte konnte ich kennen und aussprechen, von welchen ich wußte, daß du sie ausgesprochen hast. Denn diejenigen, welche du selbst nicht aussprichst, verbirgst du ohne Zweifel unserer Erkenntnis. Der Ausspruch des Propheten stimmt also mit dem des Apostels überein, weil die Gerichte Gottes einerseits unbegreiflich sind und doch andrerseits jene von ihnen, die durch seinen Mund verkündigt sind, von menschlichen Lippen ausgesprochen werden; denn das von Gott Verkündigte kann von den Menschen erkannt werden, das Verborgene aber nicht.

Petrus. Durch meine Frage ist die Sache klar geworden. Aber ich bitte dich, erzähle weiter, wenn du noch etwas von den Wundern dieses Mannes weißt. [S. 79]

1: 1 Kor 6,17
2: Röm 11,34
3: 1 Kor 2,11
4: 1 Kor 2,12
5: 1 Kor 2,9.10
6: Röm 11,33
7: Ps 118,13

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu den Dialogen

Navigation
. Erstes Buch
. Zweites Buch
. . Mehr
. . VIII. Kapitel: Von ...
. . IX. Kapitel: Wie ein ...
. . X. Kapitel: Von dem ...
. . XI. Kapitel: Von einem ...
. . XII. Kapitel: Von den ...
. . XIII. Kapitel: Von ...
. . XIV. Kapitel: Wie die ...
. . XV. Kapitel: Was Benedikt ...
. . XVI. Kapitel: Von eine...
. . XVII. Kapitel: Der ...
. . XVIII. Kapitel: Der ...
. . XIX. Kapitel: Der Mann...
. . XX. Kapitel: Der Mann ...
. . XXI. Kapitel: Wie zur ...
. . XXII. Kapitel: Wie ...
. . XXIII. Kapitel: Von ...
. . XXIV. Kapitel: Von ...
. . Mehr
. Drittes Buch
. Viertes Buch

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger