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Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)
Erstes Buch

IX. Kapitel: Von Bonifatius, 1 Bischof der Stadt Ferentino.

Gregorius. Es lebte ein ehrwürdiger Mann namens Bonifatius, der in der Stadt Ferentino das bischöfliche Amt inne hatte und dasselbe ganz mit seinen Tugenden umgab. Viele Wunder erzählt von ihm der Presbyter Gaudentius, der noch lebt. Er wuchs unter seiner [S. 31] Leitung heran und kann um so getreuer alles von ihm erzählen, als er alles miterleben durfte. Auf seiner Kirche lastete eine große Armut, welche für gute Seelen eine Wächterin der Demut zu sein pflegt. Er besaß als ganzes Einkommen nichts anderes als einen einzigen Weinberg, und dieser wurde einmal durch einen Hagel derart verwüstet, daß nur an wenigen Stöcken einige kleine und ärmliche Trauben zurückblieben. Als hierauf der genannte Gottesmann, der hochwürdigste Bischof Bonifatius, in seinen Weinberg kam, sagte er Gott dem Allmächtigen vielmals Dank, weil er sich auch noch in seiner Dürftigkeit eine Beschränkung auferlegt sah. Als dann die Zeit kam, wo die noch hängen gebliebenen Weintrauben reiften, bestellte er wie sonst einen Wächter für den Weinberg und trug ihm auf, ihn mit aller Sorgfalt zu bewachen. Eines Tages befahl er dann seinem Neffen, dem Presbyter Konstantius, er solle alles Weingeschirr des bischöflichen Hauses und alle Fässer, wie man es früher tat, auspichen und in Bereitschaft setzen. Als dies sein Neffe, der Presbyter, vernahm, verwunderte er sich aufs höchste über den fast unsinnigen Befehl, Weingeschirre herzurichten, da man doch keinen Wein bekam; er wagte aber nicht, nach dem Grunde dieses Auftrags zu fragen, sondern gehorchte und richtete alles wie sonst zurecht. Alsdann begab sich der Diener Gottes in den Weinberg, nahm die Lese bei den wenigen Trauben vor und tat sie in die Kelter; er ließ dann alle Anwesenden hinausgehen und blieb allein mit einem kleinen Knaben zurück, den er in die Kelter stellte und die ganz wenigen Trauben keltern ließ. Als aus denselben ein wenig Wein floß, fing der Mann Gottes ihn eigenhändig in einem kleinen Gefäß auf und verteilte ihn, wie um einen Segen auszuteilen, in alle Fässer und bereitstehenden Geschirre, so daß die Gefäße alle kaum etwas von dem Wein angefeuchtet schienen. Nachdem er so von dem Wein eine Kleinigkeit in alle Gefäße gegossen hatte, rief er den Presbyter und ließ die Armen holen. [S. 32] Da begann der Wein in der Kelter sich zu vermehren, so daß er alle Geschirre, welche die Armen mitgebracht hatten, anfüllen konnte. Als er sah, daß er diese befriedigt hatte, ließ er den Knaben aus der Kelter steigen, schloß den Weinkeller zu, versiegelte ihn und kehrte zur Kirche zurück. Am dritten Tage rief er den Presbyter Konstantius zu sich, schloß nach einem Gebete den Weinkeller auf und fand die Gefäße, in welche er ein kleinwenig von der Flüssigkeit gegossen hatte, so sehr vom Weine überlaufen, daß der sich vermehrende Wein den ganzen Boden bedeckt hätte, wenn der Bischof noch etwas später gekommen wäre. Hernach verbot er dem Presbyter aufs strengste, irgend jemandem, so lange er lebe, etwas von diesem Wunder zu erzählen. Er befürchtete nämlich, er möchte von der Menschengunst wegen dieses Wunders so hoch erhoben werden, daß er innerlich gerade dadurch Schaden nehmen könnte, wodurch er nach außen vor den Menschen so groß erschien. Er wollte hierin auch dem Beispiele des Meisters folgen, der, um uns den Weg der Demut zu zeigen, hinsichtlich seiner selbst den Jüngern befahl, das Geschaute niemandem zu erzählen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.

Petrus. Da sich gerade Gelegenheit bietet, möchte ich fragen, was es damit für eine Bewandtnis hat, daß unser Erlöser den zwei Blinden, denen er das Augenlicht wieder schenkte, zwar befahl, niemandem etwas davon zu sagen, daß diese aber dennoch hingingen und es im ganzen Lande verbreiteten. Sollte etwa der eingeborene Sohn Gottes, gleichewig mit dem Vater und mit dem Heiligen Geiste, in diesem Falle etwas gewollt haben, was er nicht ausführen konnte, so daß das Wunder, das er verschwiegen haben wollte, nicht verborgen bleiben konnte?

Gregorius. Unser Erlöser hat alles, was er in seinem sterblichen Leibe tat, uns als ein Beispiel für unser Handeln aufgestellt, so daß wir nach dem Maße [S. 33] unserer Kraft in seine Fußstapfen treten und ohne anzustoßen den Lebensweg, der jetzt unsere Aufgabe ist, wandeln können. Er wirkte das Wunder und befahl darüber Schweigen zu beobachten, und doch konnte es nicht verschwiegen bleiben, damit auch seine Auserwählten, welche seinem Beispiele und seiner Lehre folgen, bei ihren Großtaten zwar gerne verborgen bleiben möchten, wider ihren Willen aber zum Frommen anderer in ihren Wundern bekannt würden. So ist es einerseits große Demut, daß sie ihre Werke verborgen halten wollen, andererseits ein großer Nutzen, daß ihre Werke nicht verschwiegen bleiben können. Der Herr wollte also keineswegs etwas, was er nicht ausführen konnte, sondern was seine Glieder für einen Willen haben sollen und was dennoch mit ihnen wider ihren Willen geschieht, das hat er uns durch sein Beispiel gelehrt.

Petrus. Die Erklärung gefällt mir.

Gregorius. Wir müssen noch einige Begebenheiten aus dem Wirken des Bischofs Bonifatius anführen, nachdem wir einmal seiner Erwähnung getan haben. Ein anderes Mal nämlich nahte der Tag der Gedächtnisfeier des seligen Märtyrers Prokulus heran. Ein Adeliger namens Fortunatus, der an jenem Orte wohnte, bat den ehrwürdigen Mann inständig, er möge, wenn er bei dem seligen Märtyrer das Hochamt halte, zu einer Erquickung bei ihm zukehren. Der Mann Gottes konnte das nicht abschlagen, um was ihn die Liebe aus dem Herzen des Fortunatus ersuchte. Nachdem also das Hochamt zu Ende war, ging er bei Fortunatus zu Tisch. Doch ehe er noch Gott das Lobgebet sprechen konnte, erschien ein Mann mit einem Affen unter der Türe und schlug die Zimbel, wie eben manche als Spielleute sich den Unterhalt zu verschaffen pflegen. Als der Heilige diesen Laut vernahm, entrüstete er sich und sprach: „Ach, ach, dieser Arme ist tot, dieser Arme ist tot! Ich bin zu Tisch gekommen, um mich zu erquicken, und ich habe den Mund noch nicht zum Lobe Gottes [S. 34] auftun können, da kommt schon dieser mit seinem Affen und schlägt die Zimbel!” Er setzte jedoch hinzu: „Gehet und gebt ihm zu essen und zu trinken, wie es die Liebe erfordert; wisset aber, daß er tot ist.” Als der unglückselige Mann Brot und Wein vom Hause erhalten hatte und zur Türe hinausgehen wollte, fiel plötzlich ein großer Stein vom Dache und traf ihn mitten auf den Kopf. Er wurde von diesem Schlage zu Boden geschleudert, und als man ihn aufhob, war er schon halbtot und beschloß den andern Tag, wie es der Mann Gottes gesagt hatte, vollends sein Leben. Bei diesem Fall, Petrus, legt sich die Erwägung nahe, daß man heiligen Männern eine sehr große Ehrfurcht entgegenbringen muß; denn sie sind Tempel Gottes. Und wenn ein Heiliger zum Zorn gereizt wird, wer anders wird da zum Zorn herausgefordert als der Bewohner dieses Tempels? Um so mehr also ist der Zorn der Gerechten zu fürchten, als in ihrem Herzen, wie wir wissen, derjenige zugegen ist, den nichts hindert, Rache zu nehmen, wie er will.

Ein anderes Mal verkaufte sein Neffe, der schon erwähnte Presbyter Konstantius, sein Pferd um zwölf Goldstücke, legte das Geld in seine Truhe und ging fort, um ein Geschäft zu besorgen. Da kamen unmittelbar darauf Arme zur bischöflichen Wohnung und baten ungestüm, der heilige Bischof Bonifatius solle ihnen zur Linderung ihrer Not etwas schenken. Da aber der Mann Gottes nichts zum Verteilen hatte, regte er sich in Gedanken darüber auf, daß die Armen mit leeren Händen von ihm fortgehen sollten. Da fiel ihm ein, daß sein Neffe, der Presbyter Konstantius, sein Reitpferd verkauft und den Erlös dafür in seiner Truhe liegen hatte. In Abwesenheit des Neffen machte er sich also über die Truhe, brach in frommer Gewalttätigkeit das Schloß auf, nahm die zwölf Goldstücke heraus und verteilte sie nach seinem Belieben unter die Armen. Als nun der Presbyler Konstantius von seinem Gange zurückkehrte, traf er [S. 35] die Truhe erbrochen an und fand den Erlös für sein Pferd, den er hineingelegt hatte, nicht mehr vor. Da schlug er einen großen Lärm auf und schrie in heftigem Zorn: „Alle läßt man hier leben, nur ich kann in diesem Hause nicht leben!” Auf dieses Geschrei kamen der Bischof und alle Bewohner des bischöflichen Hauses herbei. Der Mann Gottes wollte ihn durch sanftes Zureden beschwichtigen, jener aber machte ihm Vorwürfe und sagte: „Alle läßt du mit dir leben, nur ich allein kann es bei dir nicht aushalten; gib mir mein Geld zurück!” Auf diese Worte hin begab sich der Bischof in die Kirche der seligen allzeit jungfräulichen Maria, erhob seine Hände, zog dabei das Gewand über den Armen auseinander und betete stehend, sie möge ihm doch etwas geben, womit er die Erregung des Presbyters beschwichtigen könne. Und als sein Blick auf das Gewand zwischen seinen ausgestreckten Armen fiel, bemerkte er dort plötzlich zwölf Goldstücke, die glänzten, als ob sie soeben aus dem Feuer gekommen wären. Er verließ die Kirche, warf das Geld dem zornigen Presbyter in den Schoß und sagte: „Siehe, da hast du das Geld, das du verlangt hast, aber das sollst du dir merken, daß du, wenn ich einmal gestorben bin, wegen deines Geizes nicht Bischof an dieser Kirche werden wirst!” Aus dieser Äußerung schließt man, daß der Presbyter das Geld zurücklegen wollte, um damit die Bischofswürde zu erlangen. Das Wort des Mannes Gottes hatte Bestand, denn Konstantius beschloß sein Leben als Presbyter.

Einmal kamen zwei Goten zu ihm, um seine Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen, und sagten, sie wären auf der Reise nach Ravenna. Er schenkte ihnen mit eigener Hand ein kleines hölzernes Fäßchen, das mit Wein gefüllt war, damit sie sich dessen etwa bei der Mahlzeit auf der Reise bedienen könnten. Die Goten aber tranken aus demselben, bis sie nach Ravenna kamen. Sie hielten sich einige Tage in jener Stadt auf und genossen alle Tage von dem Weine, den sie von dem [S. 36] heiligen Manne bekommen hatten. Und so kamen sie auf dem Rückweg wieder nach Ferentino zu dem ehrwürdigen Vater, ohne daß sie einen Tag mit dem Trinken aufgehört hätten, und doch ging der Wein in dem kleinen Fäßchen nicht aus, gerade als ob in dem hölzernen Fäßlein, dem Geschenk des Bischofs, der Wein nicht so fast sich vermehrt hätte, als vielmehr darin gewachsen wäre.

Neulich kam aus jener Gegend ein Priestergreis zu mir, der Dinge von dem Heiligen erzählte, die wir nicht mit Stillschweigen übergehen dürfen. Er erzählte nämlich, daß derselbe einmal, als er in seinen Garten ging, diesen ganz von Raupen bedeckt fand. Da er sah, wie alles Gemüse zugrunde gerichtet wurde, wandte er sich zu den Raupen und sprach: „Ich beschwöre euch im Namen des Herrn, unseres Gottes Jesu Christi, gehet weg von hier und verzehret mir dieses Gemüse nicht!” Sofort machten sie sich alle auf das Wort des Mannes Gottes davon, so daß auch nicht eine innerhalb des Gartens zurückblieb. Doch, was ist daran Wunderbares, daß wir solche Dinge aus der Zeit seines bischöflichen Amtes erzählen, als er in den Augen des allmächtigen Gottes schon durch seine Weihe und durch sein Amt groß dastand, da die Wundertaten noch viel größer sind, die dieser Priestergreis von ihm erzählt, da er noch ein kleiner Knabe war? Er erzählt nämlich, daß er zur Zeit, wo er noch als Knabe bei seiner Mutter weilte, wenn er von zu Hause fortging, manchmal ohne Hemd, oft auch ohne Rock heimkam, denn so oft er einen Nackten traf, bekleidete er ihn; er entblößte sich selbst, um sich in den Augen Gottes mit dem Lohn dafür zu bekleiden. Die Mutter zankte ihn deshalb oft; denn es sei, sagte sie, nicht recht, daß er, obwohl selber notleidend, an die Armen seine Kleider verschenke. Eines Tages betrat sie ihre Scheune und fand, daß alles Getreide, das sie sich als Lebensunterhalt für das ganze Jahr aufgehoben hatte, von ihrem Sohne an die Armen [S. 37] verteilt worden war. Während sie nun aus Schmerz, daß sie den Unterhalt für fast ein ganzes Jahr verloren, sich Backenstreiche gab und sich mit den Fäusten in das Gesicht schlug, kam der Knabe Gottes, Bonifatius, dazu und wollte sie trösten, so gut er konnte. Da sie sich aber gar nicht trösten ließ, bat er sie, sie möge aus der Scheune hinausgehen, in welcher von allem Getreide nur spärliche Reste zurückgeblieben waren. Sogleich begab sich dort der Knabe Gottes ins Gebet. Nach kurzer Zeit ging er hinaus und führte die Mutter wieder in die Scheune, die nun so voll von Getreide war, wie sie es früher nicht gewesen war, als sie sich über den eingeernteten Bedarf für ein ganzes Jahr gefreut hatte. Beim Anblick dieses Wunders ging die Mutter in sich und drängte nun selbst den Knaben, der so schnell Erhörung seines Gebetes finden konnte, zum Almosengeben. Sie hielt sich in ihrem Hof räum auch Hühner; es kam aber ein Fuchs vom nahen Felde und holte sie nach und nach. Während nun eines Tages der Knabe in dem Hofe stand, kam wieder der Fuchs und holte ein Huhn. Schnell ging er in die Kirche, warf sich zum Gebete nieder und sprach laut: „Gefällt es dir, o Herr, daß ich von dem, was sich die Mutter zieht, nichts zu essen bekomme? Denn siehe, die Hühner, die sie zieht, verzehrt der Fuchs.” Darnach erhob er sich vom Gebete und verließ die Kirche. Alsbald kam der Fuchs zurück, ließ das Huhn, das er in der Schnauze trug, los und fiel vor seinen Augen tot zu Boden.

Petrus. Es ist sehr wunderbar, daß Gott sich würdigt, die Gebete derer, die auf ihn hoffen, auch in geringen Dingen zu erhören.

Gregorius. Das geschieht, Petrus, nach weiser Einrichtung unseres Schöpfers, damit wir wegen des Kleinen, das wir erhalten, Großes erhoffen sollen; der heilige und einfältige Knabe fand nämlich deshalb in geringen Dingen Erhörung, damit er vom Kleinen lerne, wieviel er von Gott bei großen Bitten erwarten dürfe.

Petrus. Es gefällt mir, was du sagst. [S. 38]

1: Martyrol. 14. Mai

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger