Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)
Erstes Buch

II. Kapitel: Von Libertinus, dem Prior1 jenes Klosters

Gregorius. Libertinus, ein gar ehrwürdiger Mann, der zur Zeit des Gotenkönigs Totila Prior des Klosters zu Fundi war, lebte und erhielt seine Ausbildung unter der Leitung des Honoratus. Obwohl schon vielerseits seine zahlreichen Wundertaten erzählt und verbreitet wurden, berichtete mir doch der erwähnte fromme Laurentius, der noch am Leben ist und ehedem sehr vertraut mit dem Heiligen war, vieles von ihm. Aus dem, was ich davon in Erinnerung habe, will ich einiges erzählen.

Er machte einmal in der oben genannten Provinz Samnium für das Kloster eine Reise. Da kam der Gotenanführer Darida mit seinem Heere desselben Weges, und dessen Leute rissen den Diener Gottes vom Reitpferde herab. Er ertrug willig den Verlust des Tieres und gab den Plünderern auch noch die Peitsche, die er in der Hand hielt, mit den Worten: „Nehmet sie nur, damit ihr doch etwas habet, um das Pferd antreiben zu können!” So wie er dies gesagt, begann er zu beten. In eiligem Ritte kam die Schar des Anführers an einen Fluß mit Namen Vulturnus. Sie stießen dort mit den Lanzen auf die Pferde ein und verwundeten sie mit den Sporen bis aufs Blut. Die Pferde wurden durch die Stöße und Verwundungen zwar erschöpft, waren aber nicht von der Stelle zu bringen; sie fürchteten sich, ins Wasser zu gehen, wie vor einem tödlichen Sprung. Als nun die Reiter selbst vom langen Zuschlagen müde waren, bemerkte einer aus ihnen, daß sie wegen der Unbill, die sie dem Diener Gottes unterwegs zugefügt hätten, jetzt auf dem Marsche so aufgehalten würden. Sie [S. 8] kehrten sogleich zurück und fanden Libertinus im Gebete auf den Boden hingestreckt. Sie sagten zu ihm: „Stehe auf und nimm dein Pferd wieder!” Er aber antwortete: „Gehet in Frieden, ich habe das Pferd nicht nötig!” Da saßen sie ab, hoben ihn wider seinen Willen auf das Pferd, von dem sie ihn heruntergezogen hatten, und ritten eiligst von dannen. Ihre Pferde gingen nun so leicht über den Fluß, den sie vorher nicht hatten überschreiten können, wie wenn das Flußbett ohne Wasser gewesen wäre. So wurde also dadurch, daß der Diener Gottes sein Pferd zurückerhielt, einem jeden von ihnen das seinige wiedergegeben.

Zur selben Zeit fiel Buccelinus2 mit seinen Franken in Kampanien ein. Über das Kloster unseres Dieners Gottes ging das Gerücht, daß es viel Geld besitze. Die Franken drangen deshalb in die Kirche ein, suchten wütend nach Libertinus und schrien immer „Libertinus!” gerade da, wo dieser betend am Boden lag. Ein wahrhaft wunderbarer Vorgang: Die Franken suchen und wüten, dringen ein, stoßen schon auf der Schwelle auf ihn und können ihn doch nicht sehen. So wurden sie in ihrer Blindheit irregeführt und kehrten mit leeren Händen wieder um.

Ein andermal wieder reiste er in Sachen des Klosters und im Auftrage des Abtes, der seines Lehrers Honoratus Nachfolger war, nach Ravenna. Aus Liebe zu diesem ehrwürdigen Honoratus pflegte Libertinus überall, wohin er ging, einen Schuh desselben bei sich zu tragen. Während er so des Weges zog, siehe, da brachte eine Frau den Leichnam ihres Sohnes daher. Als sie den Diener Gottes sah, loderte die Liebe zu ihrem Kinde aufs neue auf, und sie ergriff sein Pferd am Zügel und beschwor ihn: „Oh, du darfst mir nicht weiterziehen, ehe du meinen Sohn wieder lebendig gemacht hast!” Es schien ihm ein solches Wunder zu außerordentlich, [S. 9] und er erschrak über ihre Bitte. Er wollte der Frau ausweichen; da ihm dies aber nicht gelang, wußte er nicht, was er tun sollte. Nun können wir uns vorstellen, welch ein harter Streit in seiner Seele entstand. Denn hier stritten miteinander die Demut seines Wandels und das Mitleid mit der Mutter; auf der einen Seite die Angst, er könnte sich etwas Ungewohntes anmaßen, auf der andern Seite der Schmerz, er müsse der armen Frau seine Hilfe versagen. Aber zur größeren Ehre Gottes gewann das Mitleid den Sieg über das tugendhafte Herz, das gerade dadurch sich stark erwies, daß es sich besiegen ließ; denn es wäre kein tugendhaftes Herz gewesen, wenn es dem Mitleid nicht nachgegeben hätte. So stieg er also ab, kniete nieder, erhob seine Hände gegen den Himmel, nahm dann den Schuh aus seinem Busen und legte ihn dem toten Knaben auf die Brust. Und während er betete, kehrte die Seele des Knaben in den Körper zurück. Er nahm ihn bei der Hand und gab ihn der weinenden Mutter lebend zurück. Hierauf setzte er seinen Weg fort.

Petrus. Was sollen wir nun dazu sagen? Wirkte dieses Wunder das Verdienst des Honoratus oder das Gebet des Libertinus?

Gregorius. Bei diesem großen Wunder traf mit dem Glauben der Frau der beiden Männer Wunderkraft zusammen, und darum glaube ich, Libertinus habe deshalb solches vermocht, weil er gelernt hatte, mehr auf die Kraft des Meisters als auf seine eigene zu bauen. Indem er nämlich dem toten Knaben den Schuh des Honoratus auf die Brust legte, dachte er, daß dessen Seele die Erhörung seiner Bitte erlangen werde. Denn auch Elisäus trug den Mantel seines Meisters, kam an den Jordan und schlug damit einmal in das Wasser, aber es teilte sich nicht. Doch als er gleich darauf sagte: „Wo ist denn jetzt der Gott des Elias?”3 und den Fluß mit dem Mantel des Meisters schlug, da bahnte er einen [S. 10] Weg mitten durch das Wasser. Siehst du nun, Petrus, wieviel bei Wunderzeichen die Demut vermag? Dann erst konnte er des Meisters Kraft ausüben, als er dessen Namen nannte. Denn dadurch, daß er zur Demut gegen den Meister zurückkehrte, konnte er tun, was der Meister getan.

Petrus. Jetzt verstehe ich; doch, ich bitte, weißt du noch mehr von ihm zu unserer Erbauung zu erzählen?

Gregorius. Gewiß, vorausgesetzt, daß es Nachahmer findet. Denn ich für meinen Teil schätze die Tugend der Geduld höher als Zeichen und Wunder. Eines Tages also wurde der Amtsnachfolger des ehrwürdigen Honoratus gegen unsern ehrwürdigen Libertinus sehr zornig, so zwar, daß er ihn mit den Händen schlug. Da er keinen Stock zum Schlagen finden konnte, griff er nach einem Fußschemel und schlug ihn damit auf den Kopf und in das Gesicht, so daß das ganze Antlitz geschwollen und blau wurde. Stillschweigend suchte Libertinus, so übel er zugerichtet, sein Lager auf. Es war aber auf den andern Tag in einer Klostersache gerichtlicher Termin anberaumt. Darum begab sich Libertinus nach der Matutin an das Bett des Abtes und bat demütig um den Segen. Da aber der Abt wußte, wie sehr Libertinus von allen geehrt und geliebt wurde, glaubte er, derselbe wolle wegen der Unbill, die er ihm zugefügt hatte, das Kloster verlassen. Deshalb forschte er näher nach und fragte: „Wohin willst du denn gehen?” Libertinus antwortete: „Vater, es ist für das Kloster ein gerichtlicher Termin angesetzt, von dem ich nicht wegbleiben kann; da ich gestern versprochen habe, heute zu kommen, will ich jetzt hingehen.” Da erkannte der Abt vom Grunde des Herzens sein hartes und liebloses Verhalten sowie die Demut und Sanftmut des Libertinus, sprang vom Lager auf, umschlang seine Füße und bekannte, daß er gesündigt und gefehlt habe, indem er einem so großen und heiligen Mann eine so arge Kränkung anzutun wagte. Aber auch Libertinus fiel nieder und [S. 11] warf sich ihm zu Füßen mit der Beteuerung, nicht durch den Zorn des Abtes, sondern durch seine eigene Schuld sei ihm eine solche Behandlung widerfahren. Auf diese Weise wurde der Abt zu großer Sanftmut geführt, und die Demut des Jüngers ward so zur Meisterin des Lehrmeisters. Als er nun aufs Gericht ging, sahen viele bekannte und adelige Männer, die ihn sehr verehrten, mit Verwunderung sein geschwollenes und blauunterlaufenes Gesicht und erkundigten sich angelegentlich, was es denn damit für eine Bewandtnis habe. „Gestern abend”, sagte er ihnen, „stieß ich wegen meiner Sünden an einen Fußschemel und zog mir dieses zu.” So wahrte der Heilige in seinem Herzen die Ehre der Wahrheit sowohl als die Ehre seines Meisters, indem er einerseits des Abtes Fehler nicht verriet, anderseits keiner Unwahrhaftigkeit sich schuldig machte.

Petrus. Hat wohl dieser ehrwürdige Libertinus, von dem du so viele Zeichen und Wunder erzählt hast, in der ausgedehnten Kongregation keine Nachahmer seiner Tugenden hinterlassen?

1: Die Klöster, von denen der hl. Gregor erzählt, gehören ausnahmslos dem Orden des hl. Benediktus an. Der Abt heißt in der Regel Pater, der Prior, der den 2. Rang einnimmt, Praepositus. Libertinus scheint zugleich auch das Amt des Ökonomen oder Cellerars versehen zu haben.
2: Heerführer des Frankenkönigs Theudebert; vgl. Gregor von Tours, Geschichte der Franken, III 32.
3: 4 Kön 2,14

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung zu den Dialogen

Navigation
. Erstes Buch
. . (Einleitung)
. . I. Kapitel: Von Honora...
. . II. Kapitel: Von Liber...
. . III. Kapitel: Von dem ...
. . IV. Kapitel: Von Equitius, ...
. . V. Kapitel: VonKonstan...
. . VI. Kapitel: Von Marce...
. . VII. Kapitel: Von Nonn...
. . VIII. Kapitel: Von ...
. . IX. Kapitel: Von Bonif...
. . X. Kapitel: Von Fortun...
. . XI. Kapitel: Von Marty...
. . XII. Kapitel: Von dem ...
. Zweites Buch
. Drittes Buch
. Viertes Buch

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger