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Paul Koetschau, Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes. In: Origenes, Schriften vom Gebet und Ermahnung zum Martyrium. Aus dem Griechischen übersetzt von Paul Koetschau. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 48) München 1926.
Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes

A. Das Leben des Origenes
Lebensabriss

9.

An den Anfang des ersten Buches stellt Origenes die christliche Glaubenslehre, wie sie damals in der Kirche formuliert war, mit einigen weiteren Ausführungen. Ein Gott ist, heißt es da, der Schöpfer, der Gott aller Gerechten, der gerechte und gute Gott; er hat Jesus Christus gesandt, Gesetz, Propheten und Evangelium gegeben. Jesus Christus, vor aller Schöpfung aus dem Vater erzeugt, hat ihm bei der Weltschöpfung gedient, ist Mensch geworden, aber Gott geblieben, und hat einen Leib angenommen, der von einer Jungfrau und aus dem Heiligen Geiste geboren war. Er hat wahrhaftig gelitten und ist wahrhaftig gestorben und auferstanden und erhöht worden. Über den Heiligen Geist, der dem Vater und dem Sohn an Ehre und Würde gleichsteht, ist nicht ganz entschieden, ob er geschaffen, oder unerschaffen, oder ob er gleichfalls Gottes Sohn ist. Das muß nach der Schrift erforscht werden. Aber ebenderselbe Geist hat Propheten und Apostel erleuchtet. Die Seele wird nach dem Tod entweder ewiges Leben und Seligkeit, oder ewiges Feuer und Strafe erhalten; und der Körper wird einst unverweslich auferstehen. Jede Seele hat ihre freie Willensbestimmung und steht im Kampfe mit dem Teufel und seinen Dienern, wird aber von anderen Mächten zum Heil unterstützt. Über den Ursprung der Seele ist nichts festgestellt, ebenso auch nichts aber den Ursprung und das Wesen des Teufels und seiner Diener. Das Volk glaubt, der Teufel sei ein Engel gewesen und abgefallen. Die Welt ist geschaffen und vergänglich. Was vor ihr war und nach ihr sein wird, ist von der Kirchenlehre nicht bestimmt worden. Die Heilige Schrift ist von dem göttlichen Geiste geschrieben und hat außer [S. 34] dem wörtlichen noch einen tieferen Sinn. Das ganze Gesetz ist geistig zu verstehen. Die Benennung „unkörperlich" ist der Heiligen Schrift unbekannt. Zu untersuchen bleibt, ob Gott in irgendeiner Hinsicht „körperlich“ sei oder nicht (vgl. c. Cels. VIII 49 a. E.). Die Untersuchung ist auch auf Christus und den Heiligen Geist auszudehnen. Nach der kirchlichen Lehre gibt es Engel und gute Mächte; nirgends jedoch wird gesagt, wann sie geschaffen und von welcher Art und an welchem Orte sie seien. Auch über die Beseeltheit der Gestirne wird öffentlich nichts gelehrt (vgl. c. Cels. V 10 ff.).

Diese Hauptsätze legt nun Origenes seinem System zugrunde, indem er sie — was er vorher schon angedeutet hatte — ergänzt und weiter ausführt. Im ersten Buche spricht er von der Gottheit und ihrer Beziehung zur Welt. Er stellt fest: Gott ist Licht, unkörperlich, unbegreiflich, unermeßlich, übersinnlich, ist Einheit (μονάς und ἑνάς), ist Vernunft, aus der jede geistige Natur entspringt, und als Urgrund alles Seins nicht zusammengesetzt. Die Vernunft ist verwandt mit Gott, also nicht materiell; durch sie kann man Gott erkennen, ums dasselbe ist, wie ihn schauen (c. 1).

Bei Christus ist göttliche und menschliche Natur zu unterscheiden. Er ist „Erstgeborener" und „Weisheit“ Gottes und, wie Glanz aus dem Licht, ewig und anfangslos gezeugt. Als „Wort“ Gottes ist er Träger der Offenbarung göttlicher Geheimnisse, auch ist er (nach Kol. 1,15. Hebr. 1,3. Weish. Sal. 7,25 f.) „Wahrheit, Leben, Weg, Auferstehung“, ferner „Ebenbild und Abglanz des Lichtes des Vaters“ und „Kraft Gottes". Gott übt seine Macht durch sein „Wort“ (den Logos) aus, dem alles Untertan ist, und durch das alles dem Vater Untertan gemacht wird. Der Sohn ist auch „der unbefleckte Spiegel" und „Bild der Vollkommenheit des Vaters", aber nicht, wie dieser selbst, unwandelbar und absolut vollkommen, vgl. Mark. 10,18 (c. 2).

Der Heilige Geist ist nicht körperlich, sondern eine heiligende Kraft, die bei der Taufe neben Vater und Sohn durch Anrufung wirksam ist. Nach Joh. 1,3 muß [S. 35] auch der Heilige Geist durch das Wort geschaffen sein. Der Heilige Geist war von Ewigkeit her. Während Gott-Vater als der Seiende bis zu jedem einzelnen reicht, ist der Sohn geringer, da er nur die vernünftige Welt durchdringt, und noch geringer der Heilige Geist, da er sich nur über die Heiligen verbreitet. Das Sein kommt vom Vater, die Vernünftigkeit aus dem Wort, die Heiligung aus dem Heiligen Geiste. Wir Menschen bedürfen der fortgesetzten Einwirkung von Vater, Sohn und Geist (c 3).

Die Gottheit verknüpft nun Origenes mit der Welt in folgender Weise. Die Fähigkeiten des Schöpfers, sagt er, haben nie geruht; immer hat es Kreaturen gegeben, denen er wohltat. Dies läßt sich nur so verstehen, daß der eingeborene Sohn, den der Vater immer hatte, „die Weisheit“ ist, deren sich Gott nach Vollendung der Welt „freute“ (Prov. 8,30 f.). Denn in dieser „Weisheit" war die Schöpfung inbegriffen und vorhergestaltet (Ps. 103,24); die „Weisheit" aber war immer (c. 4).

Zu den Vernunftwesen, die durch ihren Fall allmählich bis zur unvernünftigen Kreatur gelangt sind, gehören gute Engelwesen, Menschenseelen und böse Engelwesen. Alles Vernünftige kann besser oder schlechter werden, unterliegt also der Belohnung oder Bestrafung. Wenn die Schrift von dem Teufel und seinen Engeln, von Fürsten dieser Welt von bösen und unreinen Geistern, und andererseits auch von himmlischen, irdischen und unterirdischen Wesen redet, so fragt es sich, ob die Engel schon als „heilig" erschaffen, oder durch Fortschreiten zum Guten so geworden sind; ferner ob die Dämonen so geschaffen, oder durch einen Fall so geworden sind. Es ist anzunehmen, daß die vernünftigen Wesen, da der tiefere Sinn der Schrift überall Entwicklung zum Guten oder zum Bösen nachweist, z. T. durch Trägheit und Erschlaffung stufenweise bis in irdische Leiber versunken sind, wo sie gleichsam Strafe büßen (c. 5).

Die Vernunftwesen können nur so lange in seligem Zustande verbleiben, als sie an der Heiligkeit, Weisheit und der Gottheit selbst Anteil haben; daher gibt es nach [S. 36] dem Grade dieses Anteils gewisse Ordnungen auch in der künftigen Welt: Engel, Kräfte, Gewalten, die an der Besserung der Gefallenen mitzuwirken haben, so daß das Menschengeschlecht wiederhergestellt werden könnte, wenn nach Jesaia (66,22) Himmel und Erde neu sein werden. Auch aus den gänzlich Abgefallenen, dem Teufel und seinen Engeln, können sich einige infolge der Willensfreiheit zum Bessern wenden, aber freilich erst nach längeren oder kürzeren Strafen durch Leitung der Engel zum unsichtbaren Wesen der Geister zurückkehren. So können Menschen und Engel Dämonen, and diese wieder Engel werden, und das ist die Erneuerung des Himmels und der Erde, von der Jesaia spricht. Die Körperwelt hört dann auf, oder der körperliche Stoff wird zu ätherischem Stoff (c. 6).

Origenes betont ausdrücklich, daß alles über die vernünftigen Wesen Gesagte mehr Schlüsse des Verstandes, als wirkliche Glaubenslehren sind, und fährt dann — unter Wiederholung früherer Gedanken — aus, daß alle erschaffenen vernünftigen Wesen und Seelen, heilige und unheilige, ihrer Natur nach unkörperlich sind. Das „Unsichtbare" bei Paulus (Kol. 1,16) ist das „Unkörperliche", das geistige Wesen. Die Gestirne sind himmlische, vernünftige Wesen (vgl. c. Cels. V 10. Vom Gebet c. VII), wohl auch „Herrschaften'', aber auch sie sind nicht von Sünde rein (Hiob 25,5). Wenn die Menschenseele erst von außen dem Körper eingehaucht worden ist, so auch die Seele der Gestirne. In der Vollendung der Welt werden diese ebenfalls zu der Einheit zurückkehren, wo Gott alles in allem sein wird; dann werden alle Seelen, aus ihren Kerkern entlassen, teils langsamer, teils schneller der Vollendung zustreben, und aus Engeln können Menschen oder Dämonen, und umgekehrt, werden (c. 7).

Die Unterschiede und Dienste der Erzengel und Engel sind — wie schon oben angedeutet — durch ihren sittlichen Wert bedingt. Die Engelwesen, Dämonen und Seelen werden an Körper gebunden zur Strafe für vorausliegende Sünden. Es gibt kein vernünftiges Geschöpf, das nicht gleich empfänglich wäre für das Gute wie für das Böse; selbst der Teufel ist nicht [S. 37] unfähig zum Guten, da überall der freie Wille bestimmt, ob gut oder böse gewählt wird. Nur die Gottheit ist hiervon ausgenommen. Der Rang eines jeden im Geisterreiche hängt lediglich von seinem Verdienst ab. Den Dämonen ist der Frevel zur Lust geworden, daher kehren sie nicht zum Guten zurück. Die Menschenseelen, die zur dritten Ordnung gehören, können sich durch sittliche Besserung bis zur ersten Ordnung aufschwingen. Dies sind die „Kinder Gottes, der Auferstehung, des Lichtes“, die Asketen. Wenn sich dagegen die Seele dem Bösen zuwendet, so wird sie aus Unvernunft zum Vieh und wählt sich Tierleiber oder geht in Pflanzen über1.Das alles aber, schließt Origenes, sind keine Lehrsätze, sondern nur Erörterungen.

1: Daß Origenes hier nicht an eine Seelenwanderung nach der Lehre des Pythagoras denkt, ergibt sich daraus, daß er diese c. Cels. III 75 ausdrücklich verwirft und dafür c Cels. VI 21 die Lehre Philos empfiehlt.

 

 

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B. Die Schriften des ...

Einleitung zu:
Vom Gebet (De oratione) (Origenes († 253/54))
Ermahnung zum Martyrium (Exhortatio ad martyrium) (Origenes († 253/54))
Gegen Celsus (Contra Celsum) (Origenes († 253/54))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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