Paul Koetschau, Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes. In: Origenes, Schriften vom Gebet und Ermahnung zum Martyrium. Aus dem Griechischen übersetzt von Paul Koetschau. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 48) München 1926. Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes A. Das Leben des Origenes Lebensabriss
12. Da Origenes, wie man sieht, alle seine Ansichten auf Stellen der Heiligen Schrift gründet, so redet er endlich im vierten Buche von der göttlichen Eingebung der Heiligen Schrift und von der Art, die Heilige Schrift zu lesen und zu verstehen. Denn für die Heiden, meint er, muß die Beweiskraft der Heiligen Schrift erhärtet werden. Wenn es schon Tausende von Verehrern des mosaischen Gesetzes auch bei Nichtjuden gibt, so ist das Evangelium über den ganzen bewohnten Erdkreis verbreitet und stellt eine übermenschliche Erscheinung dar. Wir sehen hier deutlich die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißungen (Hos. 3,4) und der Worte des Paulus 1 Kor. 1,26. Die prophetischen Schriften über Jesus, der etwa ein Jahr und einige Monate lehrte, sind von Gott eingegeben. Wir haben also, während die göttliche Vorsehung oft verborgen ist, eine göttliche und überhimmlische Kraft für unsere Lehre (c. 1). Bei Juden, Häretikern und einfältigen Christen fehlt das richtige geistige Verständnis der Schrift, durch das uns gewisse Geheimnisse der göttlichen Haushaltung offenbar werden. Der richtige Weg wird uns durch Sprichw. Sal. 22,20 und den Hirten des Hermas gezeigt1. Danach sollen wir — wie der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht — den Sinn der Schrift auf [S. 47] dreifache Weise in uns aufnehmen: a) in buchstäblicher, fleischlicher Auffassung, b) in der psychischen, c) in der geistigen. Manchmal ist in der Schrift nur Seele und Geist zu suchen (1 Kor. 9,9. 10, 11. Hebr. 8,5. Gal. 4. Kol. 2,16). Zum Verständnis der Schrift gehört vor allem die richtige Lehre von Gott und Christus, von den vernünftigen Wesen und ihrem Fall, von der Verschiedenheit der Seelen, von dem Wesen der Welt und dm Bösen. Vielfach werden in der Bibel außerordentliche Geheimnisse angedeutet Mitten hinein in Gesetz und Geschichte hat das göttliche Wort Anstöße, Widersprüche u. dgl. gebracht, damit wir den der Menge verborgenen tieferen Sinn erforschen sollen (c. 2). An zahlreichen Beispielen wird dann gezeigt, daß der wörtliche Sinn im Alten Testament und im Neuen Testament oft unmöglich ist. Die Heilige Schrift hat überall einen geistigen, rückt überall aber einen wörtlichen Sinn. Es gibt „Jsrael nach dem Fleisch und nach dem Geist" (Rom. 9,6. 8. 2,28), die Weissagungen über Ägypten, Babylon, Tyrus, Sidon sind geistig zu deuten, sie beziehen sich mehr auf die Seelen und ihre himmlischen Wohnungen; denn die auf Erden Geborenen haben ihre Seelen vielleicht aus dem Hades oder aus den Räumen über uns durch Aufstieg oder Abstieg erhalten, so daß das Firmament im Vergleich mit dem Himmel ein Hades sein kann, und unsere Erde ebenso im Vergleich mit dem Firmament2. Ferner kann der Zug der Väter nach Ägypten als Zug in diese Welt betrachtet werden, Josua als Vorbild Jesu usw. Ob das Leiden Christi auch im Himmel stattgefunden hat, um die Dämonen zu erlösen? Es gibt Dinge in der Heiligen Schrift, die sich in keiner menschlichen Sprache vollständig ausdrücken lassen (c. 3). Zum Abschluß des Ganzen bietet Origenes eine summarische Wiederholung seiner Hauptlehren vom Wesen des Vaters und des Sohnes, von der Erschaffung der Körperwelt und der Vernunftwesen, die in geistiger Gemeinschaft mit der Gottheit stehen und unvergänglich und ewig sind; denn wer Gott [S. 48] erkennt, dauert fort, und wer sich zum Übersinnlichen emporhebt, kann zur vollkommensten Erkenntnis gelangen. Origenes betont aber am Ende ausdrücklich, daß man sich in allem an die vorangestellte Glaubensregel halten müsse.
1: Vgl. oben S. 29. 2: Vgl. oben S. 46 Anm. 1.
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