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Paul Koetschau, Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes. In: Origenes, Schriften vom Gebet und Ermahnung zum Martyrium. Aus dem Griechischen übersetzt von Paul Koetschau. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 48) München 1926.
Allgemeine Einleitung über Leben und Schriften des Origenes

A. Das Leben des Origenes
Lebensabriss

11.

Das dritte Buch enthält die Erlösung und Vollendung der Welt in der Gottheit. Hier mußte zunächst in ausführlicher Erörterung Klarheit über die freie Selbstbestimmung, die vorher schon mehrfach erwähnt worden war, geschaffen werden. Der Begriff wird gewonnen von Dingen, die sich selbst bewegen, und solchen, die von außen bewegt werden. Das vernünftige Wesen besitzt außer der natürlichen Vorstellungskraft noch die prüfende Vernunft und die Fähigkeit, Gutes und Böses zu erkennen. Wenn wir also das Gute wählen, sind wir zu loben, wenn wir das Schlechte wählen, sind wir zu tadeln. Wenn mich die Vernunft bei dem Erfahrenen die Lockung abwehrt, der der Unerfahrene erliegt, so darf doch niemand die Schuld von sich abwälzen oder auf die reizbare Sinnlichkeit schieben. Das tugendhafte Leben ist, wie Bibelstellen beweisen, in denen Freiheit des Willens vorausgesetzt wird, unser Werk. Origenes zeigt dann, wie die Bibelstellen zu erklären sind, die scheinbar die freie Selbstbestimmung aufheben (Exod. 4,21. Ezech. 11,19 Röm. 9,16 ff. Phil. 2,13), und behandelt ausführlich [S. 43] die Frage, warum Gott das Herz des Pharao verhärtet habe. Er stellt zunächst fest, daß Gott wie ein Arzt, der die Heilung mit Grund aufschiebt, gegen einige Sünder langmütig ist, da er die Seelen nicht nur für dieses Leben, sondern für die Ewigkeit ausgestattet hat. Das Herz des Menschen wird nur durch Bosheit so steinern, wie der Felsboden (Matth. 13,8); unergründlich sind seine Neigungen, Regungen, Vorsätze, Triebe. Dann werden die Stellen Ezech. 11,19 (von den steinernen und fleischernen Herzen) und Mark. 4,12 (Gleichnisse für die Menge) gedeutet, um so das Verhalten Gottes gegen Pharao zu erklären. Aus Rom. 9,16 wird entnommen, daß beim Handeln des Menschen nur die Hauptsache auf Gott zurückzuführen ist, ebenso wie der Steuermann das Schiff nur in der Hauptsache lenkt. Wenn auch Phil. 2,13 (Wollen und Vollbringen aus Gott) die Willensfreiheit auszuschließen scheint, so ist unser doch die Tätigkeit und Richtung. Die Bestimmung zu „Gefäßen der Ehre oder Unehre" rührt von Ursachen her, die weit über die Schöpfung zurückliegen. Aus demselben Stoffe gehen verschiedenartige Gefäße hervor. Infolge eigener Wahl schreitet der eine zum Besseren, der andere zum Schlechteren fort. So können einige Seelen bis zur untersten Stufe des Schlechten hinabsinken, und umgekehrt Die Willensfreiheit also besteht (c. 1).

Wenn auch, wie die Schrift beweist, der Teufel und feindselige Mächte mit dem Menschengeschlechte ringen, so ist doch der Glaube einfältiger Christen falsch, daß alle Sünde von jenen feindlichen Mächten herkomme. Vielmehr haben wir den Samen der Sünde zugleich mit den natürlichen Trieben und Leidenschaften empfangen, und erst dann, wenn wir diesen nachhängen, geht der Same der Sünde auf und wird von den feindlichen Gewalten gefordert, die dann im Menschen Wohnung nehmen. Jeder von uns wird nach dem Maße seiner Tugend an einen Ort gestellt, wo er mit feindlichen Mächten zu kämpfen hat. Gott läßt uns versucht werden, aber nicht über unser Vermögen, und verleiht zwar nicht „das Ertragen“, aber „das Ertragenkönnen". Auf das Herz des Menschen wirken gute und [S. 44] böse Engel ein, wie „Tobias", „Barnabas", ,,Die zwei Wege" zeigen, der Mensch hat aber die Macht, zu widerstehen (Eph. 4,27. 6,12). Dies ist ein Kampf des Geistes wider den Geist (c. 2).

Nach Paulus (1 Kor. 2,6 ff.) gibt es eine Weisheit der Welt, der Obersten dieser Welt und Gottes. Die feindlichen Mächte geben dem menschlichen Geiste falsches Wissen ein: a) das eigentlich Weltliche, Dichtkunst, Sprachenkunde, Redekunst, Meßkunst, Tonkunst, vielleicht auch Arzneikunde; b) Geheimlehren der Ägyptier, Sterndeutung der Chaldäer, die Wissenschaft vom Unendlichen der Inder, die reiche Götterlehre der Griechen. Weil Jesus die Gebäude falscher Weisheit zerstören wollte, deshalb lehnten sich „die Fürsten dieser Welt" gegen ihn auf und bewirkten wohl auch falschen Glauben über Christus. Wie die menschliche Seele für die Einwirkung böser Geister empfänglich ist (vgl. Judas Ischarioth, Joh. 13,2), so auch für die Einwirkung guter Geister (vgl. die Propheten), wobei sie selbst freie Wahl hat. Bei Kindern, die von Dämonen besessen sind, wirken wohl vor der Geburt liegende Ursachen nach. Wir müssen Tag und Nacht wachen, daß wir dem Teufel nicht Raum geben (c. 3).

Die bloß menschlichen Versuchungen entspringen aus Fleisch und Blut. Wie sich die Seele dazu verhält, darüber gibt es verschiedene Ansichten, die Origenes dem Leser zur Wahl stellt: ob neben Seele, Leib, Geist noch ein besonderer Antrieb zum Bösen, ob eine Doppelseele im Menschen vorhanden, oder der Antrieb zum Bösen an das Sinnliche gebunden ist, und ob die Seele aus mehreren Teilen besteht. Der Ausdruck: „das Fleisch gelüstet wider den Geist" (Gal. 5,17) ist metaphorisch zu verstehen: wenn die Seele sich den sinnlichen Leidenschaften ganz ergeben hat, dann ist sie Fleisch geworden (c. 4).

Wenn nun nach der Kirchenlehre die Welt einen zeitlichen Anfang genommen hat und auch wieder vergehen wird, so fragt es sich, was Gott vor dem Anfang der Welt getan hat. Da Gottes Wesen nicht müssig zu denken ist, so muß man vor und nach [S. 45] dieser Welt eine andere annehmen, vgl. Jes. 66, 22. Pred. Sal. 1,9. 10. Die vernünftigen Wesen haben ihren Anfang in der unsichtbaren Welt, bei Gott im Himmel gehabt, sind von da herabgestiegen (daher καταβολή = Weltschöpfung) und haben grobe Körper erhalten. In dieser Welt bedurften nun die Seelen vieler Helfer und Lenker, zuletzt der Hilfe des eingeborenen Sohnes Gottes, der am Ende der Welt mit allen, die durch ihn zum Heile gelangt sind, dem Vater Untertan sein wird (1 Kor.13,28). Die Unterwerfung ist aber in gewissen Stufen und Zeiten anzunehmen, also noch in einer anderen Welt nach dieser Welt (c. 5).

Vom Ende der Welt ist schon oben gesprochen. Hier ist noch folgendes hinzuzufügen. In Moses' Bericht ist der Mensch nach Gottes Bild geschaffen; die vollendete Ähnlichkeit aber, die doch das höchste Gut ist, bleibt für die Vollendung aufbehalten1. Wenn dann das Ende wieder in den Ursprung zurückkehrt, so fragt es sich, ob wir einst ohne Körper leben werden, da ja die Materie immer dem Einswerden mit Gott widerstrebt. Gott kann nicht im Bösen, auch nicht im Leblosen, also scheinbar nicht „alles in allem" sein. In der Vollendung wird es aber keinen Unterschied zwischen Gut und Böse geben. Nach gewissen Zwischenräumen jedoch kommt die Materie wieder ins Dasein, so daß Körper entstehen und Böses annehmen. Unter den vernünftigen Wesen werden die einen ihrem Ursprung treu bleiben, andere den tiefsten Fall tun; Gott aber weiß jeden nach seinem sittlichen Werte zu benutzen. Das Wesen unseres jetzigen Leibes wird durch verschiedene Grade je nach den verschiedenen Stufen der Weltschöpfung und dem sittlichen Werte der vernünftigen Natur bis zu dem Zustand eines allerreinsten Leibes hindurchgeführt werden; dies deutet der Ausdruck „geistiger Leib" bei Paulus an. Zuletzt muß auch der Tod, d.h. sein feindliches Streben, das nicht von Gott ist, vernichtet werden. Die Vollendung der Dinge tritt allmählich ein, in unzähligen Aeonen, bei den einzelnen verschieden, bald schneller, bald [S. 46] langsamer. Derselbe Leib wird in den geistigen verklärt, und aus einem „Gefäß der Unehre“ ein „Gefäß der Ehre“ werden. Gott hat zwei Naturen geschaffen, eine sichtbare, körperliche, und eine unsichtbare, körperlose. Beide sind der Umwandlung fähig. Da das Ende der Schöpfung zum Anfang zurückkehren muß, so gibt es dann eine zweite Erde2, die die Heiligen aufnehmen wird. Dadurch werden sie auf die bessere, ewige Ordnung vorbereitet, und die ganze Körperwelt wird in ein Wesen umgewandelt werden, das vollkommen und göttlich ist. Zum Schluß überläßt es Origenes wieder dem Leser, welche Ansicht er wählen will (c. 6).

1: Vgl. In ep. ad Rom. IV 5 (VI 266 Lom.).
2: Vgl. den Ausdruck „terra coeli“ in Ps. 37 (36) hom. V 4 (XII 226f. Lom).

 

 

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B. Die Schriften des ...

Einleitung zu:
Vom Gebet (De oratione) (Origenes († 253/54))
Ermahnung zum Martyrium (Exhortatio ad martyrium) (Origenes († 253/54))
Gegen Celsus (Contra Celsum) (Origenes († 253/54))

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger