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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XVIII. Rede

28.

Eines dieser Wunder, die er erlebte, will ich erzählen. Er war unwohl, körperlich krank. Muß man sich etwa darüber aufhalten, daß auch Heilige leiden? Das Leiden dient entweder zur Reinigung von ihrem bißchen Schmutz oder zur Erprobung der Tugend und zur Prüfung der Gesinnung oder zur Stärkung der Schwächlinge unter ihnen, welche Ausdauer und Unverzagtheit im Leiden lernen sollen. Der Vater erkrankte zur Zeit des heiligen, berühmten Osterfestes, des Königs der Tage; es war jene leuchtende Nacht, welche die Finsternis der Sünde verscheucht und in welcher wir mit zahlreichen Lichtern unsere Erlösung feiern und zugleich mit dem für uns getöteten Lichte sterben, um mit dem auferstandenen Lichte aufzuerstehen. Dies war die Zeit seines Leidens. In Kürze will ich darüber berichten. Ein starkes, hitziges Fieber durchglühte das Innerste, seine Kräfte schwanden, Nahrung konnte er nicht zu sich nehmen, zu schlafen vermochte er nicht. Sein Zustand wurde bedenklich, sein Puls hämmerte. Die ganze Mundhöhle, der Gaumen und der Oberkiefer waren mit so vielen Geschwüren vollständig bedeckt, daß man Wasser nicht leicht und ungehindert eingeben konnte. Nichts vermochte die Kunst der Ärzte, das ständige Gebet der Angehörigen, alle angewandten Mittel. Er lispelte wenige unverständliche Worte. Nicht einmal die Anwesenden erkannte er. Er war vollständig abwesend und weilte [S. 375] bei dem, was er schon längst ersehnt hatte und was ihm in Aussicht stand. Wir aber gingen in die Kirche, um zu opfern und zu beten; da wir nämlich an allen anderen Mitteln verzweifelten, nahmen wir unsere Zuflucht zu dem großen Arzt, der Kraft der Osternacht, der letzten Hilfe. Sollten wir jubeln oder klagen? Sollten wir uns der Festesfreude hingeben oder für den, der nicht mehr dabei war, Trauerfeier halten? Wieviele Tränen wurden damals vom ganzen Volke vergossen! Rufen und Schreien mischte sich in die Psalmengesänge. Von der Kirche forderten sie den Priester, vom Gottesdienst den Opfernden, von Gott den würdigen Gehilfen. Und dies geschah unter Führung meiner Maria1, welche nicht die Sieges-, sondern die Bittpauke schlug und im damaligen Schmerze zum ersten Male die schamhafte Schüchternheit vergaß2. Das Volk und Gott rief sie zugleich an, jenes, damit es mit ihr Mitleid zeige und mit ihr im Weinen wetteifere, diesen aber, damit er auf die Bitten höre. Sie erinnerte Gott an die früheren Wunder; denn Leiden macht erfinderisch.

1: Vgl. Exod. 15, 20 f. Unter Maria versteht Gregor seine Mutter Nonna.
2: Nonna hielt sich sonst an die Vorschrift, daß das Weib in der Kirche zu schweigen hat.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger