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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XVII. Rede

2.

Etwas früher hatte der treffliche David in ähnlicher Weise über sein Schicksal geklagt. „Wer gibt mir ― fragt er1 ― Flügel gleich einer Taube, daß ich fortfliege und Ruhe finde?“ Um von den ihn umgebenden Leiden möglichst weit wegzukommen, wünscht er sich Taubenflügel, entweder weil sie so leicht und rasch sind wie jeder Gerechte, oder weil sie an den Geist erinnern, mit dessen Hilfe allein es uns möglich ist, den Gefahren zu entgehen. Hiebei gibt er das Heilmittel für die Zeit der Not an, nämlich die Hoffnung. „Ich hoffte ― sagt er2 ― auf Gott, der mich von Kleinmut und Stürmen befreit.“ Es ist bekannt, daß er auch sonst so handelte. Denn gar rasch bietet er dem Betrübten Arznei und durch Wort und Tat weist er ihm einen guten Weg zur Standhaftigkeit im Unglück. „Meine Seele ― sagt er3 ― wollte sich nicht trösten lassen.“ Hörst du, wie aus diesen Worten die Niedergeschlagenheit und Verzweiflung spricht? Fürchtest du nicht, David möchte nicht mehr zu helfen sein? Was sagst du? Du willst dich nicht trösten lassen? Du willst verzweifeln? Sollte dir niemand helfen können? Kein Wort, kein Freund, kein Verwandter, kein Ratgeber, keiner, der an deinem Schmerze teilnimmt, keiner, der auf seine eigenen Erlebnisse verweist oder von früheren Schicksalen erzählt oder durch Vergleiche zeigt, daß andere in noch viel schlimmerer Lage waren und doch wieder daraus gerettet wurden? Ist alles umsonst, wertlos, verloren? Ist alle Hoffnung geschwunden? Bleibt nichts anderes übrig, als sich niederzulegen und das Ende abzuwarten? Ist das der große David, dem sonst im Leid sich das Herz erweitert hatte4, und der sich, trotzdem ihn Todesschatten [S. 344] umgeben hatten5, doch wieder mit Gottes Hilfe erhoben hatte? Was habe erst ich auszuhalten, der ich klein, schwach, irdisch bin und nicht diesen Geist besitze? Wenn sich ein David nicht mehr auskannte, wer wird dann noch durchkommen? Welche Hilfe, welchen Trost kann ich noch in meinem Leiden finden? Zu wem soll ich in meiner Not fliehen? David, der große Arzt, der durch den in ihm wohnenden Geist mit seinem Gesang die bösen Geister bewältigt hatte, gibt die Antwort. Zu wem du fliehen sollst, möchtest du von mir erfahren. Weißt du es selber nicht? Wer ist es, der die müden Hände stärkt und die erschlafften Knie kräftigt6, der durch das Feuer führt und aus dem Wasser befreit? Nicht brauchst du ― antwortet dir David ― Heere, nicht Waffen, nicht Bogenschützen, nicht Reiter, nicht Ratgeber, nicht Freunde, nicht fremde Hilfe. In dir selbst hast du die Hilfe; ich selbst habe sie und jeder hat sie, der sie haben will. Man muß sie nur haben wollen, darnach verlangen. Nahe ist der Trost; er ist in deinem Munde, in deinem Herzen. „Ich erinnerte mich an Gott, ― sagt David7 ― und Freude kehrte in mir ein.“ Was ist leichter als sich erinnern? Erinnere auch du dich und freue dich! Wie leicht kann man das Heilmittel erhalten! Wie rasch ist Gesundung zu finden! Wie groß ist die Gabe! Denken wir an Gott, dann nimmt er uns nicht nur Kleinmut und Trauer, er schenkt uns auch Freude.

1: Ps. 54, 7 [hebr. Ps. 55, 7].
2: Ps. 54, 9 [hebr. Ps. 55, 9].
3: Ps. 76, 3 [hebr. Ps. 77, 3].
4: Ps. 4, 2 [hebr. Ps. 4, 2].
5: Ps. 22, 4 [hebr. Ps. 23, 4].
6: Is. 35, 3.
7: Ps. 76, 4 [hebr. Ps. 77, 4].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger