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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XVI. Rede

5.

Sage, woher kommen solche Schläge und Heimsuchungen? Wie sind sie zu erklären? Wird etwa das [S. 325] All von Unordnung und Verkehrtheit und von blindem Schicksal und Unverstand bewegt, so daß niemand ist, der das Sein leitet, und wird es vom Zufall geführt, wie jene meinen, die in der Torheit weise sind und sich blindlings von einem verkehrten und finsteren Geiste leiten lassen? Oder wird das All, wie es anfänglich von Verstand und Ordnung geschaffen, zusammengesetzt und verbunden und zweckmäßig in einer dem Urheber allein bekannten Weise bewegt wurde, auch auf gleiche Weise unter den Zügeln der Vorsehung in seiner Bewegung und Stellung geändert? Woher kommen Unfruchtbarkeit, Sturmschäden, Hagelschlag, die uns jetzt bedrängen und heimsuchen? Woher die Störungen in der Luft, Krankheiten, Erdbeben, Meeresstürme und die Schrecken am Himmel? Wie kommt es, daß die Schöpfung, welche zum Genuß der Menschen ins Dasein gerufen worden war und alle in gleicher Weise erfreuen sollte, zur Strafanstalt der Sünder umgewandelt wird? Die Schöpfung soll, weil wir ihre Ehrungen nicht dankbar anerkannt haben, uns züchtigen und uns, weil wir nicht Gottes Macht aus den Wohltaten erkennen wollten, durch Leiden zur Erkenntnis derselben gelangen lassen. Warum empfangen die einen aus der Hand des Herrn das Doppelte für ihre Sünden1 und wird das Maß des Bösen zweimal aufgefüllt, wie die Bestrafung Israels zeigt2, während den anderen das Siebenfache in den Busen gegeben3 wird und die Sünden erlassen werden? Warum ist das Maß der Amorrhäer noch nicht voll4? Wie kommt es, daß der Sünder entweder straflos ausgeht oder doppelt bestraft wird? In einem Falle wird er wohl für das Jenseits zurückgestellt; im anderen wird er noch auf Erden geheilt. Und wie kommt es, daß der eine Gerechte leidet? Wohl weil er geprüft wird. Und wie kommt es, daß der andere sich des Wohlergehens freut? Er wird verschont, wenn er geistig schwach ist und sich gar nicht über das Sichtbare erheben kann. Über das [S. 326] Schicksal der Sünder und Gerechten belehrt auch das Gewissen, unser eigener, verlässiger Richter. Wie steht es mit unserem eigenen Unglück, welches ist seine Ursache? Soll durch dasselbe unsere Tugendhaftigkeit geprüft werden oder soll es unsere Sündhaftigkeit beweisen? Ich antworte: Es ist besser, sich, auch wenn es nicht notwendig ist, strafen zu lassen, um sich zu beugen und sich unter die gewaltige Hand Gottes zu erniedrigen, als eine Belobigung zu erhalten und stolz zu werden. Gib uns solche Lehren und Mahnungen, damit wir uns nicht wegen des derzeitigen Unglückes zu sehr aufregen oder ― was vielfach der Fall ist ― es, tief in Sünden versunken, ignorieren, sondern die Heimsuchung verständnisvoll hinnehmen und nicht uns durch Verständnislosigkeit eine noch schwerere zuziehen.

1: Is. 40, 2.
2: Ebd. [Is. 40, 2].
3: Ps. 78, 12 [hebr. Ps. 79, 12].
4: Gen. 15, 16.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger