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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XVI. Rede

15.

Wir müssen wissen, daß Sündelosigkeit, welche die Kraft des Menschen tatsächlich übersteigt, nur Gott zukommt; ich unterlasse es nämlich, von den Engeln zu sprechen, um nicht bösen Widerspruch herauszufordern und Leidenschaften zu wecken. Verstocktheit aber kommt der bösen Natur des Widersachers zu und denen, die sich von ihm beeinflussen lassen. Sache der Menschen jedoch, soferne sie nur würdig sind und an der Erlösung teilhaben, ist es, von der Sünde sich zu bekehren. Mag auch der Staub in gewisser Beziehung die Sünde nach sich ziehen und das irdische Zelt den in die Höhe strebenden oder doch für das Ideale erschaffenen Geist niederdrücken, so hat doch das (göttliche) Ebenbild die Pflicht, den Schmutz zu reinigen und das verbündete Fleisch mit den Flügeln des Verstandes zu beschwingen und zu erheben. Allerdings wäre es besser, es wäre die ursprüngliche Würde, zu welcher wir nun durch die Schule dieses Lebens gelangen, uns geblieben, und wir hätten nicht durch den bitteren Genuß der Sünde den Baum des Lebens verloren, so daß wir nicht jener Reinigung bedürften und nicht erst gereinigt werden müßten. Doch von der Sünde sich zu bekehren ist noch besser, als trotz der Sünde nicht gestraft zu werden. Denn, „wen der Herr lieb hat, den züchtigt er1“. Und zu strafen ist Sache eines Vaters. Eine Seele, welche [S. 336] nicht zurechtgewiesen wird, findet keine Heilung. Das Schlimme ist also nicht, geschlagen zu werden, sondern trotz der Schläge nicht vernünftiger zu werden. Einer von den Propheten sagt über das verstockte und im Herzen unbeschnittene Israel: „O Herr, du geißeltest sie, aber sie empfanden keinen Schmerz; du züchtigst sie, aber sie wollten sich nicht bekehren lassen2“, und wiederum heißt es: „Das Volk bekehrte sich nicht, solange es geschlagen wurde3“, und „Warum hat sich mein Volk böswillig von mir gewendet4? Vollständig soll es daher zermalmt und vernichtet werden!“

1: Sprichw. 3, 12.
2: Jer. 5, 3.
3: Is. 9, 13.
4: Jer. 8, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger