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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XVI. Rede

12.

Ferne sei es, daß der Gütige außer dem Unglück, das er geschickt hat, mir wegen meiner [S. 332] Verkehrtheit in seinem Zorne und seiner Erbitterung auch noch den Vorwurf mache: „Ich habe euch geschlagen mit Getreidebrand, Glutwind und Fäulnis, doch umsonst. Auf dem Felde schlug mein Schwert eure Söhne, doch nicht habt ihr euch zu mir bekehrt, spricht der Herr1.“ Nicht möchte ich jener Weinberg des Geliebten werden, welcher, nachdem er gepflanzt, mit einem Walle und Zaune umgeben, durch einen Turm und alle notwendigen Vorsichtsmaßregeln gesichert war, unfruchtbar blieb und Dornen trug, so daß man ihn verachtete, seinen Turm und seine Umzäunung niederriß, ihn nicht versorgte und nicht umgrub, vielmehr alle ihn plünderten, gemeinsam verwüsteten und niedertraten2. Da ich solches Schicksal fürchte, spreche ich. Zu solch beängstigenden Gedanken führt mich unser Unglück. Meinen Worten will ich noch das Gebet beifügen: „‚Wir haben gesündigt, Unrecht getan, gottlos gehandelt3.’ Denn wir haben deine Gebote vergessen und sind unseren schlechten Gedanken nachgegangen. Nicht wie es unsere Berufung, das Evangelium deines Christus, seine heiligen Leiden und die Erniedrigung, der er sich unsertwegen unterzogen hatte, verlangten, sind wir gewandelt. Zur Schande sind wir deinem Geliebten geworden. Priester und Volk zugleich haben ausgeschlagen. ,Gemeinsam sind wir abgewichen und nutzlos geworden; keiner ist, der Recht und Gerechtigkeit täte, auch nicht ein einziger4.‛ Deine Erbarmungen, deine Güte, die mitleidige Liebe unseres Gottes haben wir durch unsere Sünden und durch die Bosheit unserer Gesinnung und unseres Wandels von uns gewiesen. Du bist gut, aber wir sind Sünder. Du bist langmütig, aber wir verdienen Bestrafung. Wir kennen deine Güte, aber gleichwohl sind wir Toren. Nur für einige wenige unserer Sünden wurden wir geschlagen. ‚Schrecklich bist du, wer kann dir widerstehen5?’ Vor dir werden die Berge erzittern, wer wird sich gegen die Größe deines Armes [S. 333] stemmen? Wenn du den Himmel verschließest, wer wird ihn öffnen? Wenn du deine Schleußen öffnest, wer wird sie schließen? In deinen Augen ist es eine Leichtigkeit, arm zu machen und reich werden zu lassen, Leben zu spenden und zu töten, zu schlagen und zu heilen. Was du willst, ist sogleich geschehen. ,Du erzürntest, wir aber haben gesündigt6’, bekennt einer der Alten. Ich aber muß mit Rücksicht auf meine Verhältnisse die Worte umkehren und sagen: ,Wir haben gesündigt, und du zürntest’. Darum ‚haben uns unsere Nachbarn geschmäht7’. Dein Angesicht hast du abgewendet, und wir wurden mit Schande bedeckt. Doch halte ein, o Herr, verzeihe, o Herr, sei gnädig, o Herr! Verstoße uns nicht für immer wegen unserer Sünden! Nicht sollen Fremde von unserer Bestrafung lernen. Könnten doch wir aus dem Schicksale Fremder klug werden! Wen meine ich da? Ich denke an die Heiden, welche dich nicht kennen, und an die Reiche, welche sich deiner Herrschaft nicht unterworfen haben, während wir dein Volk sind, o Herr, und der Stab deines Erbes. Du magst uns daher wohl züchtigen, doch in Güte und nicht in deinem Zorne; nicht sollst du uns zum kleinsten und mindesten unter allen Völkern der Erde machen8!“

1: Vgl. Amos 4, 9 f.
2: Vgl. Is. 5, 1 ff.
3: Baruch 2, 12.
4: Ps. 13, 3 [hebr. Ps. 14, 3].
5: Ps. 75, 8 [hebr. Ps. 76, 8].
6: Is. 64, 5.
7: Ps. 78, 4 [hebr. Ps. 79, 4].
8: Vgl. Jer. 10, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger