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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XV. Rede

9.

Als die Mutter sah, daß ihre Söhne aus dem Leben geschieden waren, und wegen ihrer Vollendung beruhigt war, da erhob sie freudigst ihr Haupt gleich einem olympischen Sieger, streckte hochgemut ihre Hände aus und betete mit lauter, feierlicher Stimme: „Ich danke dir, heiliger Vater, und dir, Meister Gesetz, [S. 317] und dir, Vater Eleazar, Vorkämpfer deiner Söhne, denn ihr habt die Früchte meiner Schmerzen hingenommen, und ich bin zu einer Mutter geworden, heiliger als alle Mütter. Nichts ließ ich der Welt, alles habe ich Gott geopfert: meinen Schatz, die Hoffnungen und Stützen meines Alters. Wie herrlich bin ich geehrt, wie vorzüglich ist für mein Alter gesorgt! Ich habe, meine Söhne, den Lohn für eure Erziehung erhalten. Ich sah, wie ihr für das Gute kämpftet; ich schaute, wie ihr alle gekrönt wurdet. Die Henker betrachte ich als meine Wohltäter. Fast möchte ich dem Tyrannen Dank dafür sagen, daß er durch die von ihm befohlene Reihenfolge mich zuletzt zum Martyrium kommen ließ. Denn ich wollte zuerst meine Söhne auftreten lassen und am Kampfe jedes einzelnen teilnehmen, um dann vollständig beruhigt den vollkommenen Opfern im Tode zu folgen. Nicht reiße ich mir die Haare aus, nicht zerreiße ich mein Kleid, nicht kratze ich mir mit den Nägeln das Fleisch, nicht erhebe ich ein Klagegeschrei, nicht rufe ich nach Klageweibern, nicht will ich mich, damit auch die Luft mit mir traure, in Finsternis einschließen, nicht warte ich auf Tröster, nicht lege ich Trauerbrote vor. Dies würden unedle Mütter tun, welche nur Mütter des Fleisches sind und deren Söhne hinscheiden, ohne daß man ihnen einen würdigen Nachruf geben kann. Für mich seid ihr, meine liebsten Söhne, nicht tot, sondern geopfert. Ihr seid nicht verschwunden, sondern ihr habt nur den Platz gewechselt. Nicht wurdet ihr zerrissen, sondern zusammengefügt. Nicht hat euch ein wildes Tier geraubt, nicht eine Woge verschlungen, nicht ein Mörder ermordet, nicht eine Krankheit aufgelöst, nicht ein Krieg, noch sonst ein kleineres oder größeres menschliches Schicksal dahingerafft. Würde euch so etwas zugestoßen sein, dann würde ich euch schmerzlichst beweinen, dann würde ich meine Mutterliebe durch Tränen bekunden, wie ich sie jetzt dadurch zeige, daß ich keine Tränen vergieße. Noch mehr! Ich würde euch in aller Form betrauern, wenn ihr als Feiglinge Rettung gefunden, wenn ihr wegen der Martern nachgegeben hättet, wenn nur einer von euch unterlegen wäre, wie jetzt die Verfolger unterlegen sind. Nun aber ist Ruhm, Freude, Ehre, Lust und Jubel den [S. 318] Hinterbliebenen beschieden. Denn außer euch werde ich geopfert. Dem Phinees1 werden wir gleichgestellt, mit Anna2 verherrlicht werden. Allerdings war Phinees nur einer, euer aber sind es mehrere, welche mit Leidenschaft die Unzucht durchbohrt haben, nicht meine ich die Unzucht des Leibes, sondern die der Seele. Und Anna hatte nur einen einzigen Sohn Gott geschenkt, und zwar gleich nach der Geburt; ich aber habe sieben Männer, und zwar mit ihrer eigenen Einwilligung Gott geweiht. Jeremias singt mir das Grablied, doch soll es kein Klaglied, sondern ein Lobgesang auf das heilige Ende sein. Ihr habt mir geleuchtet wie Schnee, wurdet heller als Milch, und mehr als Saphir3 ist eure Schar, die für Gott geboren und geopfert wurde. Und endlich, o Tyrann, geselle mich, soferne Feinde überhaupt Gnaden erweisen, den Söhnen bei, damit dein Kampf noch berühmter werde! Hätte ich doch durch alle ihre Martern gehen können, damit mein Blut bei ihrem Blute und mein bejahrtes Fleisch bei ihrem Fleische ruhe! Um der Söhne willen sehne ich mich nach ihren Foltern. Sollte mir dies nicht gewährt werden, dann füge doch meine Asche zu ihrer Asche, dann möge ein und dasselbe Grab uns aufnehmen! Mißgönne denen, die an Tugend gleich waren, nicht die gleiche Ehre des Todes! Lebet wohl, ihr Mütter! Erziehet zu solchen Menschen eure Kinder! Lebet wohl, ihr Söhne! Lasset euch zu solchen Helden erziehen! Ein gutes Vorbild haben wir euch gegeben. Kämpfet!“

1: Num. 25, 7 ff.
2: 1 Kön. 1, 22 ff. [1 Samuel nach neuerer Zählart].
3: Vgl. Klagel. 4, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger