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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XV. Rede

4.

Ihre Mutter war mutig und edel, sie liebte sowohl ihre Kinder als auch Gott. Ganz eigenartig war der Schmerz ihrer mütterlichen Seele. Sie wurde nämlich durch das Leiden ihrer Kinder nicht von Mitleid ergriffen, sondern war in Sorge, sie möchten nicht leiden. Größer als die Sehnsucht nach denen, die bereits ihr Leben geendet hatten, war der Wunsch, daß die noch Übriggebliebenen ihnen folgen möchten. Ihre Worte galten mehr diesen als den Verstorbenen. Der Kampf der einen war ja noch unentschieden, während das Ende der anderen sicher war. Die einen hatte sie Gott bereits übergeben, während sie für die Annahme der anderen durch Gott erst sorgen mußte. Eine starke Seele in weiblichem Körper! Ein wunderbarer Opfergeist und Heldenmut! Größer war, wenn ich dies sagen darf, ihr Opfer als das des Abraham. Denn Abraham hatte freiwillig nur [S. 311] einen Sohn geopfert, der allerdings der eingeborene und verheißene war, auf den auch die Verheißung lautete, der ― was noch mehr ist ― Anfang und Wurzel nicht nur des Volkes, sondern auch solcher Opfer ist. Die makkabäische Mutter aber weihte die ganze Schar ihrer Söhne Gott; sie übertraf Mütter und Priester dadurch, daß ihre Opfer sich nach der Schlachtbank sehnten, vernünftige Opfer waren und zum Opferaltare eilten. Sie zeigte zwar ihre Brüste, erinnerte daran, daß sie von ihr aufgezogen worden waren, wies flehentlich auf ihr graues Haar und ihr Alter, aber nicht um ihre Söhne für das Leben zu gewinnen, sondern um zum Leiden zu ermuntern und weil sie nicht den Tod, sondern die Verzögerung für eine Gefahr hielt. Nichts konnte sie beugen oder erweichen oder mutlos machen: nicht Stricke zum Ausrenken der Glieder, nicht aufgestellte Räder, nicht Haken, nicht Foltern, nicht Spitzen eiserner Nägel, nicht scharfe Schwerter, nicht siedende Kessel, nicht brennendes Feuer, nicht der drohende Tyrann, nicht die Volksmasse, nicht der drängende Scherge, nicht der Anblick der Ihrigen, nicht die zerfleischten Glieder, nicht das zerissene Fleisch, nicht die Ströme von Blut, nicht die vernichtete Jugend, nicht die gegenwärtigen Schrecken, nicht die drohenden Bitterkeiten. Und was in solchen Verhältnissen sonst das Schwerste ist, nämlich der langsame Gang der Martern, war für sie das Leichteste; sie hatte ihre Freude am Schauspiel. Nicht nur die Verschiedenartigkeit der Martern, welche alle zusammen mehr von ihnen verachtet wurden als eine einzige Marter von einem einzigen, sondern auch die verschiedenen Reden des Tyrannen, der bald höhnte, bald drohte, bald schmeichelte, verursachten Verzögerungen im Martyrium; denn er setzte alles in Bewegung, um zu erreichen, was er hoffte.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger