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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XIV. Rede

6.

[Forts. v. [S. 277] ] Unser Herz müssen wir allen Armen öffnen, gleichviel aus welchen Gründen sie in Not sind; denn das Gebot verlangt, sich zu freuen mit den Fröhlichen und zu weinen mit den Weinenden1. Als Menschen müssen wir in zuvorkommender Weise Liebesdienste den Mitmenschen tun, mögen sie deren bedürfen, weil sie verwitwet oder verwaist sind oder weil sie aus dem Vaterlande verbannt sind, oder wegen der Grausamkeit der Herren, der Härte der Beamten, der Unbarmherzigkeit der Steuereinnehmer, der Blutgier der Räuber, der Habgier der Diebe oder wegen Konfiskation oder wegen Schiffbruch. Sie alle sind in gleicher Weise mitleidswert und blicken zu unseren Händen auf wie wir zu den Händen Gottes, so oft wir etwas brauchen. Von jenen Unglücklichen sind die, welche unverdienter Weise zu leiden haben, noch mitleidenswerter als die, welche an das Unglück gewöhnt sind. Ganz besonders müssen wir unser Herz denen öffnen, welche von der heiligen Krankheit2 zugrunde gerichtet worden sind, selbst an Fleisch, Knochen und Mark ― nach einer Drohung3 ― zerfressen werden und von ihrem armseligen, schwachen, treulosen Körper verraten sind. Es entzieht sich meiner Kenntnis, wie ich mit diesem Fleische zusammengespannt worden war und wie ich, ein Ebenbild Gottes, mit dem Staube vermengt werde. Geht es dem Körper gut, dann führt er Krieg; wird er bekämpft, dann leidet er. Ich liebe ihn, weil er mein Mitsklave ist; ich wende mich von ihm ab, weil er mein Feind ist. Da er meine Fessel ist, fliehe ich ihn; da er mein Miterbe ist, verehre ich ihn. Wenn ich mich bemühe, ihn kaltzustellen, dann fehlt mir der Gehilfe, den ich brauche, um zum herrlichen Ziel zu gelangen; denn ich weiß, wozu ich erschaffen bin, und weiß, daß ich nur durch irdische Betätigung4 zu Gott emporsteigen kann.

1: Röm. 12, 15.
2: D. i. dem Aussatz.
3: Vgl. Is. 10, 18.
4: δεῖ με πρὸς θεὸν ἀναβῆναι διὰ τῶν πράξεων [dei me pros theon anabēnai dia tōn praxeōn]. Manche Handschriften glaubten verbessern zu müssen: δι’ ἀγαθῶν πράξεων [di’ agathōn praxeōn]. Diese haben den Schriftsteller nicht verstanden. Gregor stellt den πράξεις [praxeis] die θεωρία [theōria] gegenüber (vgl. Kap. 4 Schluß!). Solange er noch in der Einsamkeit lebte, huldigte er einseitig der θεωρία [theōria]. Nachdem er aber durch seinen Vater zurückgerufen worden war, erkannte er auch die Notwendigkeit der πρᾶξις [praxis], der aktiven Seelsorge. Er war nun von der θεωρία [theōria] zur πρᾶξις [praxis] bzw. zur Einigung von πρᾶξις [praxis] und θεωρία [theōria] bekehrt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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