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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XIV. Rede

31.

Mögen andere im Urteil über Glück und Unglück verwegen und kühn sein ― es wäre allerdings besser, wenn sie es nicht wären! ―, ich für mich wage es nicht, ganz allgemein das irdische Unglück als Folge der Sünde und das irdische Wohlergehen als Folge der Tugend zu erklären. Es kommt allerdings gelegentlich vor und es hat seine Bedeutung, daß, wenn es den Sündern schlecht ergeht, die Sünde eingeschränkt wird und daß die Tugend gedeiht, wenn die Guten Glück haben. [S. 300] Nicht immer und nicht allgemein, sondern erst in der Zukunft empfangen die einen für ihre Tugenden den Kampfpreis, die anderen für ihre Sünden die verdienten Strafen. „Die einen ― so heißt es1 ― werden auferstehen zur Auferstehung des Lebens, die anderen zur Auferstehung des Gerichtes.“ Die Verhältnisse hier auf Erden sind anders, hier herrscht eine andere Ordnung, wenn auch alle Wege nach dem Jenseits weisen. Das, was uns als Unordnung erscheint, erhält in Gott durchwegs Ordnung. Es ist wie mit den äußeren und den inneren, den größeren und kleineren Organen im Körper oder wie mit den Erhebungen und Senkungen der Erde; die Verschiedenheit des Verhältnisses, in welchem die Teile zueinander stehen, ergibt die Schönheit und weckt ästhetisches Empfinden. Der von einem Handwerker bearbeitete Stoff ist auch zunächst noch ohne Form und Gestalt, er wird aber zu einem sehr kunstvollen Werk, sobald er etwas darstellt. Wenn wir einmal die vollendete Schönheit eines Werkes schauen, dann kommen wir zur Einsicht und lassen wir uns belehren. Gott ist im Wirken nicht so planlos wie wir; seine Werke sind nicht ohne Ordnung deshalb, weil uns der Einblick in ihre Logik mangelt.

1: Joh. 5, 29.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger