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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XIV. Rede

27.

Durch nichts hat der Mensch so sehr an Gott Anteil als durch das Wohltun, mag der eine auch mehr, der andere weniger Wohltaten spenden; jeder verfährt, wie ich glaube, nach seinen Kräften. Wenn Gott den Menschen erschaffen und nach seiner Verstoßung wieder aufgenommen hat, dann verachte auch du nicht den, der gefallen ist! Gott hat sich des gefallenen Menschen mit vollem Erbarmen angenommen, indem er ihm außer allem anderem das Gesetz (des Moses), die Propheten und zuvor schon als Richter das ungeschriebene Gesetz gegeben hat, um ihn zurechtzuweisen, zu mahnen, zu erziehen, und indem er schließlich sich selbst als Sühnopfer für das Leben der Welt hingegeben und Apostel, Evangelisten, Lehrer und Hirten, ferner Heilungen, Wunder, Rückkehr zum Leben, Befreiung vom Tode, Sieg über den Sieger, einen schattenhaften und einen wahren Bund, die Gaben des Heiligen Geistes, die Geheimnisse des Neuen Bundes verliehen hat. Du aber, fähig, sogar seelische Wohltaten zu spenden, da Gott, wenn du nur guten Willen hast, dich auch hierin reich gemacht hat, unterlasse es nicht, dem Notleidenden auch seelisch zu helfen! Gib die notwendigsten Gaben vor allem dem, der dich darum bittet, erweise dich aber auch, ehe du gebeten wirst, den ganzen Tag barmherzig und leihe das Wort aus, um es eifrig mit Zins zurückzufordern, d. h. von dem Profit, welchen der Schuldner stets von dem Worte hat, etwas einzuverlangen, damit du allmählich [S. 296] die Samen des religiösen Lebens mehrest! Willst du nicht das Notwendigste spenden, dann gib das weniger Notwendige und Geringere, soweit du darüber verfügst! Bringe Hilfe, verabreiche Nahrungsmittel, schenke ein abgetragenes Kleid her, gib Arzneimittel, verbinde die Wunden, erkundige dich nach den Unglücklichen, ermuntere zur Geduld, fasse Mut, gehe selbst zu den Leuten! Du erniedrigst dich dadurch nicht, du wirst nicht angesteckt werden, wenn auch übertrieben ängstliche Menschen dies meinen, welche sich durch dummes Geschwätz betören lassen oder vielmehr, weil sie für ihre Weichlichkeit und Gottlosigkeit eine Entschuldigung brauchen, zur Feigheit, als wäre sie etwas Großes und Weises, ihre Zuflucht nehmen. Lasse dich von der Vernunft und von den Kindern der Ärzte und von den Wärtern überzeugen, welche mit den Kranken zusammenwohnen; denn von diesen ist noch keiner trotz der Krankenpflege umgekommen. Mag auch der Krankendienst etwas Abstoßendes und Abschreckendes haben, aber du, Diener Christi, der du Gott und die Menschen liebst, darfst dir nichts Unwürdiges zuschulden kommen lassen. Fasse Mut im Glauben! Das Mitleid siege über die Feigheit, die Furcht Gottes über die Ängstlichkeit! Das religiöse Empfinden darf keine fleischlichen Einwände kennen. Den Bruder darfst du nicht verachten, an ihm nicht vorübergehen, nicht darfst du dich von ihm abwenden, als wäre er belastet, unrein oder sonst etwas, das man fliehen und verfluchen muß! Er ist ein Glied von dir, wenngleich er vom Unglück niedergebeugt ist. Der Arme ist dir als einem Gotte1 anvertraut, magst du auch hochmütig an ihm vorübereilen. Vielleicht vermag dieser Gedanke dich zu erweichen. Ein Vorbild der Nächstenliebe ist dir gegeben, mag auch der Fremde2 dich davon abhalten, das gute Vorbild nachzuleben.

1: . . . ὡς θεῷ [. . . hōs theō]. Gregor bezeichnet wiederholt den Christus als θεός [theos]. Vgl. Rede 14, 23!.
2: D. i. der Widersacher.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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