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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XIV. Rede

23.

Erkenne es, wer es dir gegeben hat, daß du bist, daß du atmest, daß du denkst, daß du ― was das Höchste ist ― Gott erkennst, daß du das himmlische Reich, die Gleichstellung mit den Engeln, das Schauen der Herrlichkeit erhoffest, welches jetzt noch in Spiegeln und Rätseln erfolgt, dereinst aber vollkommener und reiner sein wird! Erkenne, wer es dir gegeben hat, daß du Gottes Sohn, Erbe Christi und ― um ein kühnes Wort zu gebrauchen ― Gott selber bist1! Woher kommt dir all das, wer hat es dir gegeben? Oder ― um von dem Geringeren und dem Sichtbaren zu reden ― wer hat dir die Möglichkeit gegeben, zu schauen die Schönheit des Himmels, den Wandel der Sonne, die Scheibe des Mondes, die Zahl der Sterne, die hier überall sich offenbarende, der Leier gleiche Harmonie und Ordnung, den Ablauf der Stunden, den Wechsel der Jahreszeiten, den Kreislauf der Jahre, die gleiche Verteilung von Tag und Nacht, die Erzeugnisse der Erde, das Luftmeer, die weite Fläche des bald entfesselten, bald ruhigen Meeres, die Tiefe der Flüsse, die Strömungen der Winde? Wer [S. 292] gab dir die einen Tiere zur Zähmung und Dienstbarmachung, die anderen zur Nahrung? Wer hat dich zum Herrn und König über die ganze Erde aufgestellt? Wer hat ― um nicht auf Einzelheiten einzugehen ― den Menschen den Vorrang in allem verliehen? Ist es nicht der, welcher jetzt von dir vor allem und für alles Barmherzigkeit verlangt? Nachdem wir von ihm so vieles bereits empfangen haben und noch erwarten, müssen wir uns da nicht schämen, daß wir Gott nicht einmal das eine Opfer, die Barmherzigkeit, bringen wollen? Er hat uns von den Tieren geschieden und uns allein von den irdischen Geschöpfen mit Vernunft ausgezeichnet, wir aber möchten uns zu Tieren machen und sind von der Sinnenlust so sehr verdorben und von solchem Wahnsinn ― oder wie ich mich ausdrücken soll ― ergriffen, daß wir schon, wenn wir nur Gerstenbrei und Kleie haben, mögen sie auch vielleicht nicht einmal ehrlich erworben sein, glauben, wir seien bessere Menschen als die Aussätzigen. Wie es in alter Zeit neben den gewöhnlichen Menschen Riesen gegeben haben soll, so wollen wir gegenüber den Aussätzigen die Riesen und die Übermenschen sein gleich einem Nimrod2 oder dem Geschlechte des Enak3, welches die Israeliten seinerzeit bedrängt hatte, oder gleich denen, durch deren Schuld die Sintflut die Erde vernichtet hatte. Während unser Herr und Gott es nicht verschmäht, sich unseren Vater nennen zu lassen, wollen wir nicht einmal von unseren Verwandten etwas wissen.

1: Vgl. oben Rede11, 5!
2: Gen. 10, 8.
3: Num. 13, 29.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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