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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XIV. Rede

21.

„Wer ist weise und wird dies verstehen1?“ Wer eilt an dem Vergänglichen vorüber? Wer hält sich an das, was bleibt? Wer glaubt an das Schwinden der Gegenwart und an den Bestand dessen, was wir hoffen? Wer unterscheidet Sein und Schein, um dem einen zu folgen und das andere zu verachten? Wer hält auseinander Bild und Wahrheit, irdische Wohnung und himmlische Stadt, Fremde und Heimat, Finsternis und Licht, Schmutz des Abgrundes und heiliges Land, Fleisch und Geist, Gott und weltliche Herrscher, Todesschatten und ewiges Leben? Wer erkauft mit der Gegenwart die Zukunft, mit dem vergänglichen Reichtum den unvergänglichen, mit dem Sichtbaren das Unsichtbare? Selig, wer hier auseinanderzuhalten und zu scheiden vermag durch das Schwert des Geistes, welches das Bessere von dem Minderen trennt. „Er bereitet Aufstiege in seinem Herzen“, wie irgendwo der treffliche David sagt2. Er [S. 290] entkommt so gut wie möglich diesem Tränentale und sucht das, was oben ist. Mit Christus ist er der Welt gekreuzigt, steht mit Christus auf und fährt mit Christus zum Himmel als Erbe eines nicht mehr vergänglichen und trügerischen Lebens, wo keine bissige Schlange mehr auf dem Wege ist, die der Ferse nachstellt und deren Haupt zertreten wird3. Der erwähnte David bezeichnet als Herold mit gewaltiger Stimme von hoher, öffentlicher Warte uns Überlebende als schwerfällige Menschen, welche die Lüge lieben, und gibt uns die schöne Mahnung, wir sollen uns nicht allzusehr an das Sinnliche halten und nicht glauben, in der Sättigung mit vergänglichem Getreide und Weine oder in Niederem liege all unser irdisches Glück4. Den gleichen Gedanken vertritt wohl auch der selige Michäas, wenn er gegen die auf dem Boden kriechenden, scheinbaren Güter predigt und erklärt: „Nahet euch den ewigen Bergen! Stehe auf und wandle; denn nicht hier ist deine Ruhe5!“ Es sind dies fast die gleichen Worte, welche unser Herr und Erlöser sprach, als er aufforderte: „Steht auf! Wir wollen von hier gehen6!“ Mit diesen Worten hat Jesus nicht, wie man glauben könnte, nur die Jünger seiner Zeit von einem bestimmten Platze abgerufen, sondern er zieht damit stets alle seine Jünger von der Erde und dem irdischen Wege zum Himmel und dem Himmlischen hin.

1: Osee 14, 10.
2: Ps. 83, 6 [hebr. Ps. 84, 6].
3: Gen. 3, 15.
4: Ps. 4, 3. 8 [hebr. Ps. 4, 3. 8].
5: Mich. 2, 9 f.
6: Joh. 14, 31.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger