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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XIV. Rede

19.

Sollen wir nicht endlich einmal zur Besinnung kommen? Wollen wir nicht unsere Gefühllosigkeit ― um nicht zu sagen: unsere Herzlosigkeit ― ablegen? Wollen wir nicht ernstlich erwägen, was es um den Menschen ist? Wollen wir nicht infolge der Leiden der Mitmenschen unsere eigene Sache richtig bestellen? Alles Menschliche ist seinem Wesen nach unbeständig, wankend, ungenügend, veränderlich. Unser ganzes [S. 288] Leben dreht sich wie im Kreise und verändert sich bald nach dieser Richtung, bald nach jener, oft an einem einzigen Tage, manchmal schon in einer einzigen Stunde. Eher kann man den unsicheren Winden und den Spuren eines Meerschiffes und den täuschenden, kurzen Träumen der Nacht und den Sandzeichnungen spielender Kinder vertrauen als dem Glücke der Menschen. Weise sind die, welche aus Mißtrauen gegenüber der Gegenwart in der Zukunft Schätze suchen und wegen der Unbeständigkeit und Unsicherheit des menschlichen Glückes die Barmherzigkeit lieben, die nicht zu Fall kommt. Von drei Vorteilen gewinnen sie auf jeden Fall wenigstens einen: Entweder geht es ihnen immer gut, da Gott oft die Frommen auch mit irdischen Gütern beschenkt, um durch seine Güte zum Mitleid aufzufordern, oder, wenn es ihnen schlecht geht, finden sie Trost und Kraft in Gott, da nicht Sündhaftigkeit, sondern Gottes Ratschluß ihr Leid veranlaßt hat, oder endlich sie haben das Recht, von den Glücklichen Barmherzigkeit zu fordern, da sie selbst, als sie noch glücklich waren, den Notleidenden Barmherzigkeit erwiesen hatten.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger