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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XIV. Rede

12.

Die Aussätzigen werden aus den Städten vertrieben, aus den Häusern, von den Marktplätzen, den Versammlungen, den Straßen, den Festlichkeiten und Gelagen und selbst ― welch ein Jammer! ― vom Wasser werden sie weggejagt. Nicht haben sie mit den übrigen Menschen Anteil an den sprudelnden Quellen; auch die Flüsse sollen von ihnen angesteckt werden. Das Ungeheuerlichste ist, daß wir sie wie Schuldbeladene fortjagen, sie dann aber wieder wegen ihrer Schuldlosigkeit an uns locken, allerdings ohne ihnen Wohnung oder die nötigen Nahrungsmittel oder ihren Wunden Heilungsmittel anzubieten, und ohne den Kranken nach Kräften schützende Kleidung zu gewähren. Tag und Nacht irren sie umher, arm und nackt und ohne Unterkunft. Ihre Krankheit tragen sie zur Schau, erzählen, wer sie einst waren, flehen zum Schöpfer. Mit ihren Gliedern helfen sie sich gegenseitig in ihrer Not aus. Sie ersinnen Lieder, um Mitleid zu wecken. Sie betteln um ein Stücklein Brot, um ein bißchen Fleisch und um einen zerlumpten Fetzen, damit sie ihre Blöße und ihre Geschwüre bedecken können. Als mitleidig gilt nicht der, welcher ihre Not lindert, sondern schon der, welcher sie nicht hart abweist. Die meisten der Kranken scheuen sich nicht einmal, die Festversammlungen zu besuchen; ihre Not treibt sie im Gegenteil geradezu in dieselben hinein. Ich rede hier von jenen öffentlichen, heiligen Versammlungen, welche wir aus seelischen Bedürfnissen eingeführt haben zur Feier eines Geheimnisses oder wegen der Märtyrer, um durch Verehrung ihres Martyriums ihre Tugenden nachzuahmen. Da sie doch auch Menschen sind, schämen sich die Aussätzigen einerseits, in ihrem Elende vor Menschen zu erscheinen, und möchten am liebsten im Gebirge, in Schluchten und Wäldern und [S. 283] schließlich in Nacht und Finsternis verschwinden; doch anderseits treibt es diese elenden Jammergestalten (immer wieder) unter die Menschen. Und das ist wohl recht so. Denn sie sollen uns an unsere Schwachheit erinnern und davor bewahren, daß wir uns an die Gegenwart und das Sinnliche halten, als wenn es immer Bestand hätte. Die einen treibt es zu uns, um eine menschliche Stimme zu hören, die anderen, um ein menschliches Angesicht zu sehen, andere, um von denen, die im Überfluß leben, eine kleine Gabe zur Fristung des Lebens zu erhalten; alle kommen sie, um durch Offenbarung ihres Leids Linderung zu finden.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger