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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XII. Rede

4.

Freunde, Brüder, uns ist Gewalt angetan worden. Jetzt will ich euch anrufen, nachdem ich es seinerzeit nicht getan habe. Gewalt haben wir erlitten durch das Alter des Vaters und ― um mich milde auszudrücken ― durch die Güte des Freundes1. Helfet mir, soweit es dem einzelnen möglich ist! Reichet die Hand einem Gedrückten, der von persönlichem Verlangen und vom Geiste gepackt ist! Die Sehnsucht treibt zur Flucht in die Berge und in die Wüste, zur Ruhe für Körper und Geist, sie rät dem Verstande, sich zurückzuziehen und sich vom Sinnlichen freizumachen, um, wenn Irdisches und Schmutziges sich nicht beimischen und das göttliche Licht nicht stören können, rein von Makel mit Gott zu verkehren und von den Strahlen des Geistes sich ungehindert erleuchten zu lassen, bis wir zur Quelle des irdischen Glanzes gelangen und, wenn die Wahrheit nicht mehr im Spiegel geschaut wird, Sehnsucht und Verlangen gestillt sind. Der Geist aber will, daß ich in die Öffentlichkeit trete, Früchte für das Gemeinwohl bringe, durch den Dienst am Nächsten mir selber diene, die Herrlichkeit zum Gemeingut mache, ein großes Volk, „ein heiliges Geschlecht, ein königliches Priestertum2“, das in den meisten wiederhergestellte Ebenbild Gott zuführe. Besser und größer als eine einzelne Pflanze ist der Garten, als ein einzelner Stern der ganze Himmel mit all seiner Schönheit, als ein einzelnes Glied der Körper; ebenso ist es aber auch etwas Besseres und Größeres, die ganze Kirche für Gott zu gewinnen, als nur sich selbst ihm zu weihen. Nicht nur für sich allein soll man sorgen, sondern auch für die ganze Welt. Denn Christus hat, obwohl er in seiner Herrlichkeit und Gottheit hätte bleiben können, sich nicht nur bis zur Knechtsgestalt erniedrigt3, er hat sogar, der Schmach nicht achtend, das Kreuz auf sich genommen4, um durch seine [S. 268] eigenen Leiden die Sünde hinwegzunehmen und durch seinen Tod den Tod zu töten. Den Einbildungen des persönlichen Verlangens stehen die Lehren des Geistes gegenüber. Da ich zwischen persönlichem Verlangen und Geist stehe und nicht weiß, wem ich den Vorzug geben soll, so will ich euch, was mir das Beste und Sicherste zu sein scheint, mitteilen, damit ihr mir euer Gutachten abgebet und an meinem Entschluß teilhabet.

1: D. i. Basilius.
2: 1 Petr. 2, 9.
3: Phil. 2, 7.
4: Hebr. 12, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger