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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
XI. Rede

3.

Der eine der beiden Brüder hat uns gesalbt und uns aus der Zurückgezogenheit in die Öffentlichkeit geführt. Was ihn dazu veranlaßt hat, weiß ich nicht. Sein Handeln entspricht nicht dem in ihm wohnenden Geist. Das Wort ist zwar scharf, aber es muß gesagt sein. Freundschaft vermag alles zu ertragen und zu hören. Der andere der beiden Brüder ist gekommen, uns zu trösten und zu festigen und unseren Geist zu besänftigen. Es ist mir viel wert, daß er jetzt noch gekommen ist. Ja, sehr viel ist es mir wert; denn ich hatte euch zum Führer meines ganzen Lebens erkoren. Zu beanstanden habe ich [S. 260] nur, daß er in meiner Bedrängnis zu spät gekommen ist. Bester Freund und Kampfgenosse, welchen Wert hat es, wenn der Kampfgenosse erst nach der Niederlage und nach dem Angriff eintrifft? Welchen Wert hat denn ein Steuermann erst nach dem Sturme oder ein Heilmittel nach der Vernarbung der Wunde? Hast du dich wie ein lieber Bruder über meine Vergewaltigung geschämt oder warst auch du als Gewaltherrscher über meinen Ungehorsam ungehalten? Gegen welchen Bruder wendest du dich, und welchem ersparst du den Tadel? Ich will mich dir gegenüber der Worte Jobs bedienen, der ebenfalls im Leid zu einem Freunde sprach, wenn auch der Freund wie die Leiden anderer Art waren. Er sprach: „Wem schließt du dich an? Oder wem bist du bereit, zu helfen? Nicht etwa dem, der reich ist an Kraft, an Weisheit, an Kenntnissen1?“ Viele, die jetzt zu urteilen haben, sind, wie ich sehe, von solcher Parteilichkeit beeinflußt; es fällt ihnen leichter, den Oberen die größten Wünsche zu erfüllen, als den Niederen das Geringste zu gewähren. Dies dürftest du selbst wissen. Da du immer Vorbild und Richtschnur im Guten bist, habe ich nicht das Recht, von dir etwas Ungehöriges zu behaupten; auch warnt mich die Schrift2, voreilig im Urteil zu sein. Gerne will ich dir und jedem, der freundschaftlich darum bittet, Rechenschaft geben über mein Verhalten, das manche als Ungehorsam erklären möchten, ich selber aber ausdrücklich als Klugheit bezeichne und das Vorsicht war, wie du einsehen dürftest, soferne du mich nicht als einen völlig ungeschickten und dummen Freund ansiehst, sondern als einen Freund, der manches besser zu verstehen vermag als viele und Mut zeigt, wo Mut am Platze ist, Ängstlichkeit aber da, wo sie begründet ist und wo der Vernünftige sich vor Mangel an Mut fürchtet.

1: Job 26, 2 f.
2: Matth. 7, 1. 1 Kor. 4, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger