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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
VIII. Rede

15.

Soll ich alle ihre Tugenden aufzählen oder soll ich, indem ich einen Teil übergehe, es wagen, diejenigen zu kränken, welche sie nicht gekannt haben? Doch es wird gut sein, nunmehr auch noch vom Lohne ihrer Frömmigkeit zu sprechen. Diejenigen, welche ihr Leben gut gekannt haben, scheinen mir schon längst zu wünschen und zu verlangen, daß ich nicht nur von ihrem gegenwärtigen Schicksal und den Freuden, die sie jetzt im Himmel genießt, und die das menschliche Denken, Hören und Sehen übersteigen, spreche, sondern auch von dem Lohne, den ihr der gerechte Vergelter schon hienieden zuteil werden ließ. Denn gerne belohnt er schon [S. 243] hienieden, um durch das Kleine das Große, durch das Sichtbare das Unsichtbare glaubwürdig zu machen und so die Ungläubigen aufzurichten. Von dem, was ich nun berichte, ist ein Teil allgemein bekannt, während ein anderer Teil nicht erzählt wird, da Gorgonia selbst sich in ihrer Demut nicht ihrer Gnadengaben gerühmt hatte. Als die Maultiere scheuten, der Wagen mit ihnen dahinraste, unglücklicherweise umstürzte, schrecklich fortgeschleppt wurde und furchtbar zerschellte, da nahmen, wie ihr wißt, die Ungläubigen daran Anstoß, daß die Gerechten so heimgesucht würden, wurden aber bald eines Besseren belehrt. Obwohl alle ihre Knochen und Glieder, die verhüllten wie die unverhüllten, erschüttert und zerschlagen waren, ließ sie keinen Arzt zu, außer den, der sie heimgesucht hatte; denn einerseits wollte sie auch in ihrer Krankheit die Sittsamkeit bewahren und sich darum nicht den Blicken und Berührungen von Männern aussetzen, anderseits wollte sie nur bei dem Schutz suchen, der das Unglück zugelassen hatte. Von diesem allein, sonst von niemandem, erhielt sie Genesung. Die Folge davon war, daß manche mehr, als sie über das Unglück erschraken, noch über das Genesungswunder erstaunt waren. Der traurige Vorfall schien eben den Zweck zu haben, durch das Unglück Gott zu verherrlichen. Die Tatsache, daß sie als Mensch gelitten hatte, aber über menschliches Können hinaus geheilt worden war, berichtet und beweist einerseits deutlich Gorgonias Vertrauen im Leiden und ihre Ausdauer im Unglück, mehr aber noch anderseits Gottes Güte gegen solche Seelen. Zu der schönen Stelle, in der es vom Gerechten heißt: „Wenn er fällt, bricht er nicht zusammen1“, wird später noch das Wort beigefügt: „Und wenn er zusammengebrochen ist, wird er doch gar bald aufgerichtet und verherrlicht2.“ Gorgonia hatte wider Erwarten zu leiden, aber wider Erwarten konnte sie auch wieder nach Hause zurückkehren. Fast wurde ihr Leiden von der Genesung überrascht; noch auffallender als ihre Verwundung war ihre Heilung.

1: Ps. 36, 24 [hebr. Ps. 37, 24].
2: Vgl. Ps. 145, 8 [hebr. Ps. 146, 8].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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