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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
VIII. Rede

12.

[Forts. v. [S. 240] ] Welche Frau hat den Gottesfürchtigen mehr ihr Haus als nettes, gastfreundliches Heim zur Verfügung gestellt? Und was noch mehr ist, wer nahm sie mit solcher Ehrfurcht und so gottgefälligem Entgegenkommen auf? Wer hat ferner in Leiden größere Ruhe bewahrt und den Leidenden größeres Mitleid gezeigt? Wer hat den Dürftigen freigebiger seine Hand geöffnet? Ich stehe nicht an, ihr Lob mit den Worten Jobs zu verkünden1: „Ihre Türe stand jedem Wanderer offen; kein Fremder mußte draußen warten. Auge war sie den Blinden, Fuß den Lahmen und Mutter den Waisen.“ Um ihr Erbarmen mit den Witwen zu würdigen, genügt der Hinweis darauf, daß sie zum Lohne dafür vom Los einer Witwe bewahrt blieb. Ihr Haus war die gemeinsame Herberge für alle notleidenden Verwandten. Was sie besaß, gehörte allen Dürftigen, als wäre es deren Eigentum gewesen. „Sie teilte aus und gab den Armen2.“ Da die Verheißung (des Herrn) bestimmt ist und nicht trügt, hat sie sich in den himmlischen Scheunen viele Güter aufgespeichert. Oftmals hat sie in denen, die von ihr Gutes empfangen hatten, Christum aufgenommen. Das Wichtigste ist, daß es ihr nicht um den Schein, sondern um die Ehrlichkeit zu tun war. Im Geheimen übte sie, wie es sich gehört, im Gedanken an den, der das Verborgene sieht, ihre Frömmigkeit. Dem Fürsten dieser Welt nahm sie alles weg, um es in die sicheren Scheunen zu legen. Außer ihrem Leichnam hinterließ sie der Welt nichts. Gegen alles, was sie besaß, hatte sie das erhoffte Jenseits eingetauscht. Der einzige Reichtum, den sie ihren Kindern vermachte, war, daß sie ihre Mutter nachahmen und ihren Stolz in die gleichen Tugenden setzen.

1: Job 31, 32; 29, 15 f.
2: Ps. 111, 9 [hebr. Ps. 112, 9].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger