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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
VII. Rede

21.

Doch ich bin mit meinen Trostworten noch nicht zu Ende. Ich will noch ein kräftigeres Trostmittel verabreichen. Ich schließe mich den Worten der Weisen an, welche lehren: Jede gute, Gott wohlgefällige Seele gelangt, sobald sie von dem mitgefesselten Körper befreit ist und ihn verläßt, sofort zum Genuß und zur Anschauung des Guten, von dem sie erwartet wird, da ja das, was sie verfinsterte, gereinigt oder beseitigt wird oder sonst etwas damit geschieht; sie erfreut sich einer wunderbaren Seligkeit und jubelt, sie tritt, da sie dem beschwerlichen Gefängnis des Erdenlebens entronnen ist und die hindernden Ketten, welche die Flügel des Geistes lahmlegten, abgeschüttelt hat, beglückt vor ihren Herrn und genießt die ihr bestimmte Herrlichkeit, um sie nunmehr zu schauen. Bald erhält sie ihren Genossen, den Körper, mit dem sie auf Erden lebte, von der Erde, welche ihn gegeben hatte und welcher er anvertraut war, in einer Weise wieder zurück, die Gott, der beide verbunden und gelöst hat, kennt, und übernimmt gemeinsam mit dem Körper das Erbe der himmlischen Herrlichkeit. Wie die Seele an den Mühen des Körpers wegen der Vereinigung mit ihm teilgenommen hatte, so läßt sie ihn an ihren eigenen Freuden teilnehmen; denn sie nimmt ihn ganz in sich auf, wird mit ihm eins, wird mit [S. 229] ihm Geist, Verstand, Gott, da das Sterbliche und Vergängliche durch das Leben vertilgt sein wird. Vernimm, was dem trefflichen Ezechiel über die Zusammenfügung von Knochen und Nerven gelehrt wird1 und was später dem trefflichen Paulus über das irdische Zelt, das niedergerissen werden wird, und über das nicht von Menschenhänden erbaute Haus, das im Himmel hergerichtet ist, geoffenbart wird2! Paulus bezeichnet das Verlassen des Körpers als Erscheinen vor dem Herrn und beklagt das Wohnen im Körper als Verbannung3, weshalb er sehnsüchtig seine Auflösung herbeiwünschte4. Soll ich noch kleinmütig sein, wenn ich solche Hoffnungen habe? Warum soll ich an der Zeit hängen? Ich warte auf die Stimme des Erzengels, auf den letzten Posaunenschall5, auf die Umwandlung des Himmels, die Veränderung der Erde, die Befreiung der Elemente6, die Erneuerung des Weltalls. Wenn ich alsdann Cäsarius schaue, ist er nicht mehr in der Fremde, nicht mehr auf der Bahre, wird er nicht mehr beklagt, nicht mehr bemitleidet, dann ist er im Lichte, in der Herrlichkeit, im Himmel. Und so sah ich dich, teuerster Bruder, der so sehr an seinen Geschwistern hing, oftmals im Traume, mochte mein Wunsch oder die Wahrheit dich also verklärt haben.

1: Ezech. 37, 3 ff.
2: 2 Kor. 5, 1.
3: Ebd. [2 Kor.] 5, 6.
4: Phil. 1, 23.
5: 1 Thess. 4, 16.
6: 2 Petr. 3, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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