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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
VII. Rede

18.

Was haben wir noch zu sagen? Noch wollen wir den Trauernden durch das Wort Linderung verschaffen. Kräftig wirkt ein Heilmittel, wenn es den Klagenden von solchen gereicht wird, die mitleiden. Wer vom gleichen Schmerz ergriffen ist, kann die Heimgesuchten am besten trösten. Ich denke da vor allem an jene1, deren ich mich [S. 225] schämen würde, wenn sie sich nicht in der Geduld ebenso vor allen auszeichnen würden wie in allen anderen Tugenden. Mehr als alle lieben sie ihre Kinder, doch in noch höherem Grade übertreffen sie alle an Liebe zur Weisheit und zu Christus. Gerne dachten sie an das Hinscheiden aus dieser Welt, und gerne erinnerten sie ihre Kinder daran; eigentlich war ihr ganzes Leben nichts anderes als eine Erinnerung an den Tod. Sollte noch mein Schmerz meine Ausführungen verdunkeln und wie eine Augenentzündung mich hindern, meine Pflicht klar zu erkennen, wohlan, nehmet gleichwohl den Trost hin, den die Jugend dem Alter, der Sohn den Eltern, der, welcher noch der Belehrungen solcher Erzieher bedarf, denen bietet, die in langjähriger Erfahrung viele belehrt haben! Wundert euch nicht, wenn ich als junger Mensch bejahrten Leuten Mahnungen gebe! Euch verdanke ich es ja, wenn ich manches besser sehe als das Alter. Ihr ehrwürdigen Greise, die ihr Gott nahe seid, wie lange werden wir noch leben? Wie lange werden wir noch auf dieser Welt zu leiden haben? Im Vergleich mit dem göttlichen, ewigen Leben ist schon das ganze Menschenleben kurz, geschweige denn der Rest des Lebens, das ― wenn ich so sagen darf ― Erlöschen des menschlichen Atems, das Ende des hinfälligen Lebens. Wie weit ist uns Cäsarius vorausgeeilt? Wie lange werden wir noch sein Hinscheiden beklagen? Eilen wir nicht der gleichen Wohnung zu? Wird uns nicht bald der gleiche Stein zudecken? Werden wir nicht in kurzem zu gleichem Staube werden? Sollen uns nicht diese wenigen Tage den Vorteil bringen, daß wir noch Schlimmeres sehen, leiden, vielleicht auch tun, um dem Gesetze der Natur den gemeinsamen, unnachläßlichen Zoll zu zahlen und nicht nur nachzufolgen, sondern auch voranzugehen, nicht nur zu beweinen, sondern auch beweint zu werden und die Liebesgabe der Tränen, die wir anderen geschenkt haben, auch zu empfangen?

1: D. i. die Eltern.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger