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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
VI. Rede

18.

[S. 206] Jeremias klagt über ihre früheren Leiden und weint über die babylonische Gefangenschaft. Ihr Schicksal war auch tatsächlich der Klagen und Tränen wert. Wahrlich, überaus schmerzlich war das Einreißen der Mauern, die Vernichtung der Stadt, welche dem Erdboden gleichgemacht worden war, die Zerstörung des Tempels, der Raub der Weihgeschenke, der Frevel der Füße, welche geweihte Stätte betraten, der Frevel der Hände, welche mit Gefäßen schwelgten, die sie nicht hätten berühren dürfen, ferner das Schweigen der Propheten, der Abtransport der Priester, die schonungslose Behandlung der Greise, die Schändung der Jungfrauen, der Zusammenbruch der Jugend, das unheilige, feindliche Feuer und die Ströme von Blut, welche das heilige Feuer und das heilige Blut ersetzt hatten, die Fortschleppung der Nazaräer, die Verdrängung der Hymnen durch Klagelieder. Nur einige wenige Worte aus den Klageliedern des Jeremias will ich anführen. Er spricht von den „werten Söhnen Sions, welche mit Gold aufgewogen wurden1“ und welche zart und sündelos den Weg der Fremde gingen, von den „Wegen Sions, welche trauern, da niemand mehr zum Feste kommt2“, und kurz zuvor von den Händen weichherziger Frauen“, welche zur Zeit der Belagerung ihren Kindern nicht Nahrung reichen, sondern sie zerreißen, um sie zu genießen, und mit ihren Liebsten ihren Hunger befriedigen3. Sind diese Verhältnisse nicht schrecklich, ja mehr als schrecklich, nicht nur für die, welche sie damals erlebten, sondern auch für die, welche jetzt davon hören? Sooft ich diese Schrift zur Hand nehme und in den Klageliedern lese, was immer geschieht, wenn ich an Tagen irdischen Glückes ein Exerzitienbüchlein benützen will, da erstickt mir die Stimme und werde ich zu Tränen gerührt, da sehe ich das Elend gleichsam vor meinen Augen und klage ich mit dem klagenden Jeremias. Wer von denen, die Klagelieder zu schreiben verstehen und Leid in Worten auszudrücken vermögen, wird nach Gebühr klagen über [S. 207] die letzte Heimsuchung und Zerstreuung der Israeliten, über das ihnen jetzt auferlegte Joch der Knechtschaft, über ihre bekannte Erniedrigung unter die Römer, die sie vor allem ihrem revolutionärem Geiste zu verdanken haben? Welche Bücher könnten dies Leid fassen? Einem Marterl, auf das ihre Schicksale aufgezeichnet sind, gleicht der ganze Erdkreis, über den sie zerstreut sind, die verlassene Kultstätte, der kaum mehr erkennbare Boden Jerusalems, das sie nur auf einen Tag betreten dürfen4, wenn sie sich in der Erinnerung an vergangene Herrlichkeit freuen und die wüste Stätte beweinen wollen.

1: Klagel. 4, 2.
2: Ebd. [Klagel.] 1, 4.
3: Ebd. [Klagel.] 4, 10.
4: Vgl. Eusebius, Kirchengeschichte IV. 6, 3 (Ausgabe von E. Schwartz S. 128).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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