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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
VI. Rede

2.

Deshalb wurde ich stumm; allem Guten fernegerückt, entsagte ich. Eine Wolke zog sich gleichsam über meine Seele und verhüllte den Strahl meiner Rede. Tag und Nacht lebte mein Schmerz neu auf. Brennende Erinnerungen an die Trennung der Brüder war mir alles1, waren mir ihre Nachtwachen, ihre Fasten, ihre Gebete, ihre Tränen, die Schwielen an den Füßen, das Schlagen an die Brust, das tiefe Seufzen, die nächtlichen Stationen, das geistige Verweilen bei Gott, das stille Weinen während des Betens, für die Hörer Anlaß zur Verdemütigung, ihre Psalmengesänge, ihre Lobpreisungen, ihr Tag und Nacht dauerndes Betrachten im Gesetze des Herrn, ihre Verherrlichung Gottes. Dazu gehörten auch die folgenden schönen Anzeichen und Äußerungen eines Lebens in Gott: Die schweigenden Führer, das struppige, ungepflegte Haar, die bloßen Füße, welche es den Aposteln nachmachen wollen und nichts Irdisches tragen, die tadellose Tonsur, das Gewand, welches keine Hoffart zuläßt, der Gürtel, dessen Schmuck die Schmucklosigkeit [S. 193] ist und der das Kleid nur etwas und fast unbemerkbar aufschürzt, der gemessene Schritt, der nicht umherschweifende Blick, das freundliche Lachen bzw. die lächelnden Züge, welche übermäßiges Lachen zurückhalten, die vom Verstand geleiteten Worte, das Schweigen, noch kostbarer als das Reden, das mit Salz gewürzte, nicht schmeichelnde, sondern bessernde Loben, die Zurechtweisung, wünschenswerter als schöne Worte, das ausgleichende Maßhalten im Niedergeschlagensein und Sichgehenlassen, jene Vereinigung von Zartheit und Edelmut, von Strenge und Rücksichtnahme, die keinem schadet, sondern jedem sein gutes Recht läßt, die kluge Abwechslung von Gesellschaft und Zurückgezogenheit, um einesteils den Nächsten zu erziehen, andernteils in die Geheimnisse des Geistes eingeweiht zu werden und um einerseits in der Gesellschaft nicht das Individuelle, anderseits in der individuellen Abgeschlossenheit nicht die sozialen Aufgaben zu vergessen, ferner, was noch wichtiger und bedeutender ist, der Reichtum der Armen, der Besitz der Fremdlinge, die Ehre der Verachteten, die Kraft der Schwachen, der Kindersegen der Ehelosen, soferne Gottes Kinder höher stehen als fleischliche Kinder, das Schwelgen im Verzichten, die Erniedrigung um des Himmels willen, das Leben auf der Welt, ohne in ihr zu leben, das Wohnen im Fleische, um mit Christus außerhalb des Fleisches zu wohnen, die Armut um des Reiches willen und die Herrlichkeit infolge der Armut.

1: Das Leben der Mönche rief trotz seiner Schönheit und Erhabenheit, die nun geschildert wird, wegen des Schismas in dem Schriftsteller nur schmerzliche Stimmungen wach.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger