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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
V. Rede

8.

Die Geschichte verlief also. Allmählich wurde Julian von seinem Wahne auf den Gipfel seines Unglückes gejagt und gehetzt. Da er nämlich glaubte, die Sache der Christen stehe für ihn günstig, und da er auf Grund seiner Unternehmungen hoffte, er dürfe nur wollen, um alles zu erreichen, und da er gegen die Barbaren im Westen bereits Erfolge hatte, faßte er den allein sehr klugen und vorteilhaften Entschluß: mit einem doppelten Heere, einem Heere von Kriegern und einem Heere von Dämonen, die seine Führer waren und auf die er sein besonderes Vertrauen setzte, brach er gegen die Perser auf, sich mehr auf törichte Verwegenheit als auf die sichere Kraft verlassend und trotz aller Weisheit unfähig, einzusehen, daß θάρσος [tharsos] und θράσος [thrasos], obwohl die Wörter dem Laute nach verwandt sind, doch tatsächlich sehr verschiedenes bedeuten: nämlich Männlichkeit und Unmännlichkeit. In der Gefahr ist Mut Männlichkeit. Nachgiebigkeit Feigheit. Wer aber in übergroßer Gefahr angreift, statt sich zurückzuziehen, ist verwegen; wer jedoch vor solcher Gefahr sich zurückhält, geht den [S. 164] sicheren Weg. Es ist zweierlei, ob man seine Position verteidigt oder ob man nach etwas verlangt, was man nicht hat. Jenes ist vor allem Ehrensache für alle Verständigen; dies mag man tun, wenn es keine Schwierigkeit bereitet, muß man aber andernfalls unterlassen. Es war sehr töricht von Julian, um eines Besitzes willen, den er erst erhoffte, seine ganze Position aufs Spiel zu setzen. Er kommt mir vor wie ein schlechter Faustkämpfer, der den Kampf beginnt, ehe er noch fest steht, oder wie ein Steuermann, der mit einem noch nicht seetüchtigen Schiffe auf der See ein feindliches Schiff versenkt oder versenken will. Ohne Überlegung und ohne Vorsicht nahm er, wie ich glaube, das in Angriff, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Als das römische Reich für ihn erst geboren werden sollte und als es wegen der Verfolgung noch krank war, dachte er schon gierig an fremdes Land. Er glich Salmoneus, der mit Häuten donnerte1, er nahm sich Männer wie Trajan und Hadrian zum Vorbilde, welche jedoch wegen ihrer Klugheit nicht weniger bewundert wurden als wegen ihrer Tapferkeit. Er dachte weder an das Schicksal des Carus, noch an das des Valerian, welche für törichte Angriffe bestraft worden waren, d. i. ― um nicht, wie es in der Tragödie2 heißt, „dem Schicksal Vorwürfe zu machen“ ― an der persischen Grenze auf der Höhe ihres Glückes zusammenbrachen.

1: Salmoneus suchte den Donner des Zeus durch Felle, Kessel und Wagen und den Blitz des Zeus durch Fackeln nachzuahmen, wofür er von Zeus mit dem Blitze erschlagen und in die Unterwelt verbannt wurde. Vgl. Virgil Aen. 6, 585 ff.
2: Euripides, Orestes 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger