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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
IV. Rede

94.

Die Verehrer Julians, welche uns den neuen, freundlichen und liebenswürdigen Gott schenken wollen, wenden, um Julian von der Schuld der Verfolgung zu befreien, ein: Nicht hat Julian öffentlich bestimmt: „Die Christen müssen verfolgt werden und haben alles zu erdulden, was die Verfolger beschließen!“ Als milde Wesen sind aber doch noch niemals bezeichnet worden1 die Hydra, weil sie ― wenn man der Sage glauben darf ― statt eines einzigen Hauptes neun Häupter trug, oder die Chimäre von Petara2, weil sie drei verschiedene Köpfe hatte, wodurch sie noch viel schrecklicher war3, oder der Hadesbewohner Cerberus, weil er drei ähnliche Köpfe hatte, oder das Seeungeheuer Scylla, weil es von sechs furchtbaren Häuptern bekränzt war. Ihr Oberkörper soll allerdings angenehm und freundlich und nicht unschön gewesen sein; sie war eine Jungfrau und hatte etwas von unserer menschlichen Natur. Nur hatte sie Köpfe von Hunden und wilden Tieren; [S. 134] sie brachten Unheil, raubten ganze Flotten und unterschieden sich an Gefährlichkeit in nichts von der gegenüberliegenden Charybdis. Willst du die Pfeile und Steine beschuldigen statt der Bogenschützen und Schleuderer und die Hunde statt der Jäger, das Gift statt des Giftmischers, die Hörner und Krallen statt der stößigen Rinder und kratzenden Tiere? Sollen die, welche sich der Werkzeuge bedienen, ohne Verantwortung sein und keine Schuld an dem haben, was sie unternehmen? Die Einwände von Julians Verehrern verraten große Torheit; sie brauchen wahrlich einen Sophisten4, der die eigenen Untaten verteidigt und durch die Macht des Wortes die Wahrheit zudeckt. Doch sich selbst wird Julian nicht vergessen machen, mag er sich hinwenden, wo er will, mag er sich geistig ändern, wie er will, mag er sich ― wie man zu sagen pflegt ― den Helm des Hades anlegen oder sich durch den Ring des Gyges5 und durch Drehen der Ringfassung6 verschwinden lassen. Im Gegenteil, je mehr er zu entrinnen und zu entfliehen sucht, um so eher wird er vor dem Richterstuhle der Wahrheit und vor allen vernünftigeren Richtern eben der Taten und Unternehmungen überführt, welche er nicht einmal selbst als recht verteidigen könnte. So hat sich seine Bosheit festgerannt; in eigenen Schlingen hat sie sich überall gefangen.

1: Gregor will durch die folgenden Beispiele sagen: daß Julian die Verfolgung der Christen nicht selbst leitete, sondern durch verschiedene Personen durchführen ließ, ist für ihn keine Entschuldigung und mildert nicht seinen Charakter.
2: Stadt in Lydien.
3: Sie hatte einen Löwen-, Ziegen- und Schlangenkörper.
4: Anspielung auf Libanius.
5: König von Lydien. Er war mit Hilfe eines von ihm als Hirten in einer Höhle gefundenen, unsichtbar machenden Ringes auf den Thron gekommen.
6: Welche den Stein in sich schloß.

 

 

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Leben und Werk des hl Gregor von Nazianz
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger