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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
IV. Rede

71.

Weisester, Edelster! Willst du nicht unsere vergangene Geschichte bewundern, dann bewundere wenigstens die gegenwärtige, zumal du Verständnis hast für die Selbstüberwindung von Männern wie Epaminondas und Scipio und da du selbst mit dem Heere ausrückst, mit der Menage so, wie sie sich gerade bietet, vorlieb nimmst und den Feldzug lobst, an dem der Führer selber teilnimmt1. Es ist ja Pflicht eines edlen und weisen Mannes, auch die Tüchtigkeit der Feinde nicht zu verachten und den Edelmut der Gegner höher zu werten als die Verdorbenheit und Feigheit der Leibtruppen. Bei uns siehst du Menschen, die auf das Leben und die Heimat verzichten, die fast ohne Fleisch und Blut sind, aber dadurch sich Gott nähern. Du siehst Menschen, irdische und doch überirdische, welche „mit ungewaschenen Füßen auf dem Boden liegen“, wie dein Homer sagt2, um damit einen seiner Helden zu ehren. Sie leben unter den Menschen, sind aber über dem menschlichen Leben erhaben. Sie sind gefesselt und doch frei; stehen unter der Regierung und sind doch ungebunden. Auf der Welt haben sie nichts; aber alles, was über der Welt ist, gehört ihnen. Sie führen ein doppeltes Leben; das eine ist verachtet, das andere erstrebenswert. Durch ihren Tod werden sie unsterblich, durch ihre Auflösung mit Gott verbunden. Liebe kennen sie nicht, wohl aber jene Liebe, die göttlich ist und frei von Leidenschaft. Sie haben die Quelle des Lichtes und genießen bereits ihre Strahlen. Sie haben englische Gesänge, Feiern, welche ganze Nächte andauern, und weilen verzückt [S. 113] bei ihrem Herrgott. Sie haben eine Taufe und tatsächliche Reinigung. Ihr Aufstieg und ihre Vergöttlichung hat kein Ende. Sie wohnen in Felsenhöhlen und in Himmelshöhen. Sie werden verstoßen und erhalten Throne. Sie werden entblößt und erhalten das Gewand der Unvergänglichkeit. Sie leben in der Einsamkeit, werden aber im Himmel festlich gefeiert. Sie beherrschen ihre Sinne, doch ihr Genuß ist unendlich und unbeschreiblich. Sie weinen, doch ihre Tränen sind eine Flut zur Tilgung der Sünden und eine Reinigung für die Welt. Ihre ausgestreckten Hände löschen das Feuer, besänftigen die wilden Tiere, stumpfen die Schwerter, schlagen Heere und werden ― merke es dir! ― auch deine Gottlosigkeit zur Ruhe bringen, magst du auch noch einige Zeit dich überheben und mit deinen Helden den Gottlosen spielen.

1: Nach diesen anerkennenden Bemerkungen hat Julian verstanden, was Offiziersehre ist.
2: Ilias 16, 236.

 

 

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Leben und Werk des hl Gregor von Nazianz
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger