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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
IV. Rede

70.

Hiefür hast du keine Verehrung, sondern Verachtung. Du bewunderst dagegen den Scheiterhaufen des Herakles, den doch Mißgeschick und Weiberbosheit verschuldet hatten1, bewunderst den für Gäste oder [S. 111] Götter zerfleischten Pelops, aus welchem die durch ihre Elfenbeinschulter berühmten Pelopiden hervorgingen2, bewunderst die Verstümmlung der Phrygier, welche von Flötenspiel sich betäuben lassen, um dann geschändet zu werden3. Du bewunderst als recht und billig die mystischen Kasteiungen und Verbrennungen im Mithraskult, bewunderst die Sitte der Taurier, die Fremden zu opfern, und das Opfer der trojanischen Königstochter4, ferner das Blut, welches Menoikeus für die Thebaner vergossen hatte5, und das Blut der später in Leuktra getöteten Töchter des Skedasus. Du lobst die spartanischen Knaben, welche gegeißelt wurden und deren Blut auf dem Altare zur Besänftigung der reinen, jungfräulichen Göttin vergossen wurde6. Du ehrst den Schierlingstrank, den Sokrates genießen mußte, das Bein, an dem Epiktet gefesselt war, den Sack, in den Anaxarchus gesteckt wurde; aber ihre Philosophie war doch weniger eine sittliche Tat als vielmehr die Folge eines Zwanges. Du lobst den Kleombrotus aus Ambrakia, der seine Philosophie aus dem Buche über die Seele geschöpft hatte7, ferner die Erbitterung des Pythagoras [S. 112] über die Bohnen und die Todesverachtung der Theano8 und all derer, welche etwa in den Kult und in die Lehren des Pythagoras eingeweiht sind.

1: Herakles bestieg den Scheiterhaufen nicht aus Opfermut. Von seinem Weib Deianira durch das Gewand des Nessus vergiftet, wurde er wahnsinnig, worauf er sich verbrannte. Vgl. Ovid, Met. 9, 9 ff. Hyginus, Fabul. 34 ff.
2: Tantalus ließ seinen Sohn Pelops schlachten und als Speise den Göttern vorsetzen, welche jedoch Pelops wieder das Leben gaben, indem sie die Fleischstücke wieder zusammenfügten mit Ausnahme der einen Schulter, die von Demeter verzehrt worden war und an deren Stelle Pelops eine Elfenbeinschulter erhielt, welche sich bei seinen Nachkommen als weißer Fleck auf der Schulter vererbte. Vgl. Ovid, Met. 6, 404. Virgil, Georg. 3, 7.
3: Bei Festen der Kybele.
4: Polyxena, die Tochter des trojanischen Königs Priamus, wurde von den aus Troja heimkehrenden Griechen an der thrakischen Küste geopfert, weil des Achilles Schatten sie als Sühne für seinen Tod gefordert hatte. Vgl. Ovid, Met. 13, 448.
5: Menoikeus, Sohn des Thebanerkönigs Kreon, hatte sich, um Ares zu sühnen und die bedrohte Stadt Theben zu retten, auf der Burg der Stadt erstochen und in die Kluft des Aresdrachens unterhalb der Burg gestürzt. Vgl. Cicero, Tusc. 1, 116.
6: Dies geschah an den Festen der Artemis.
7: Kleombrotus soll, nachdem er Piatos Buch über die Unsterblichkeit der Seele gelesen hatte, aus Sehnsucht nach dem Tode von einer Mauer aus ins Meer gesprungen sein. Vgl. Cicero, Tusc. 1, 34.
8: Theano soll nach ihrer Gefangennahme, um ihr Vaterland nicht zu verraten, ihre Zunge abgebissen haben.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger