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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
IV. Rede

116.

Welche Stellung wird man dem großen Homer anweisen, der bald als Komödiendichter, bald als Tragödiendichter über die Götter geschrieben hatte? In seinen bewunderten Dichtungen findest du nämlich beides: Unglück und Lächerlichkeiten. Wahrlich nicht klein ist das Verlangen, zu erfahren, inwiefern sich Oceanus mit Tethys, da ja der Welt im Falle ihrer vorübergehenden Enthaltsamkeit Gefahr drohen würde, durch Vermittlung der nach Dirnenart geschmückten Hera versöhnen wird1. Mußte sich Trockenheit und Feuchtigkeit versöhnen, damit die Welt nicht durch die Übermacht des einen Teiles zusammenbreche, oder ist an etwas noch Dümmeres zu denken? Was bedeutet die merkwürdige Ehe des Wolkensammlers (Zeus) mit der ehrwürdigen Hera, welche ihn am hellen Tage zum Verkehr aufforderte2? Allerdings die Dichter schmeicheln ihm in ihren Gedichten, indem sie ihm frische Lotusblumen streuen und Krokus und Hyazinthen aus der Erde sprossen lassen3. Woher kommen diese Blumen, wie sind sie zu erklären? Wie ist zu erklären, daß eure Hera, die zugleich Schwester und Ehefrau ist, das eine Mal in der Luft und in den Wolken schwebt, von eisernen Ambossen hinabgeschleudert und mit ihren weißen Armen und rosenfarbigen Fingern in goldene Fesseln geschlagen wird, so daß den Göttern, welche Fürsprache einlegen wollen, schon dieser Liebesdienst gefährlich wird4, und daß Hera ein andermal, nachdem sie sich für Zeus geschmückt hatte5, den ganzen Liebesgürtel an sich bringt6, so daß Zeus gesteht, daß vor dieser einen Liebe alle Liebesempfindungen zu allen möglichen [S. 152] Göttern zurücktreten7? Was bedeutet die Furcht, daß, da die Götter sich wegen der lacedämonischen Buhlerin (Helena) aufregten und der Himmel mit Trompeten Zeichen gab8, der Sitz der Erde berste, das Meer sich empöre, das Reich des Hades sich öffne und das, was (hier) lange verborgen war, offenbar werde9? Was bedeutet das Nicken mit den finsteren Augenbrauen, das Schütteln der göttlichen Haare, das den ganzen Olymp bewegt? Was der verwundete und in ehernen Ketten gefesselte Ares, der ungeschlachte Liebhaber der Aphrodite, der unvorsichtige Buhler, der von dem doppelt gelähmten (Hephästos) festgenommen wurde und, nachdem er in schändlicher Lage den Göttern ein Schauspiel geworden, gegen kleine Geschenke wieder entlassen wurde10?

1: Ilias 14, 205 ff.
2: Ebd. [Ilias] 14, 329 ff.
3: Ebd. [Ilias] 14, 347 ff.
4: Ebd. [Ilias] 15, 18 ff.
5: Ebd. [Ilias] 14, 170 ff.
6: Ebd. [Ilias] 14, 214 ff.
7: Ebd. [Ilias] 14, 315 ff.
8: Ebd. [Ilias] 21, 388.
9: Ebd. [Ilias] 20, 54 ff.
10: Ebd. [Ilias] 5, 855 ff.; 21, 403 ff.; 21, 416; Odyssee 8, 266 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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