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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
II. Rede

8.

Überdies wandelte mich ― um euch alle Geheimnisse zu verraten ― noch eine andere Regung an, von der ich aber nicht weiß, ob sie als gemein oder als edel zu bezeichnen ist. Genug, ich hatte sie. Ich schämte mich nämlich wegen der anderen, welche um nichts besser als die Masse sind ― es will etwas heißen, daß sie nicht um vieles schlimmer sind! ― und welche mit [S. 10] ungewaschenen Händen, wie man sagt, und mit ungeweihter Seele ins Allerheiligste eindringen und noch, ehe sie würdig sind, dem Heiligtum zu nahen, nach dem Altare trachten und sich um den heiligen Tisch drängen und stoßen, gerade als würden sie in diesem Amt nicht ein Vorbild für die Tugend, sondern ein Mittel für den Lebensunterhalt erblicken und glauben, der heilige Beruf sei nicht mit Verantwortung verbunden, sondern kontrollfreier Dienst. Der Zahl nach sind sie denen überlegen, über welche sie gesetzt sind. Traurige Gläubige, armselige Würdenträger sind sie. Mir will scheinen, daß, wenn das Böse mit der Zeit zunimmt, es ihnen sogar an solchen fehlen wird, über die sie herrschen, daß es statt solcher, die sich von Gott belehren lassen, wovon die Verheißung spricht1, nur Lehrer und nur Propheten gibt, so daß selbst Saul unter die Propheten kommt, wie es in jener alten Geschichte und sinnbildlichen Rede heißt2. Dann und wann herrschten mancherlei Übel, sie nahmen aber wieder ab. Doch nie erreichen oder erreichten sie eine solche Höhe, wie jetzt dieses schimpfliche und sündhafte Streben unter den Christen. Mag es auch über unsere Kräfte gehen, dem gewaltigen Verderben zu wehren, so müssen wir es doch, um ein klein wenig Tugend zu üben, hassen und uns darüber schämen.

1: Is. 54, 13. Joh. 6, 45.
2: 1 Kön. 10, 11 [1 Sam. nach neuerer Zählart].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger