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Gregor v. Nazianz († 390) - Reden
II. Rede

49.

Bei uns sind aber zwischen Lehrer und Schüler keine Grenzen gezogen gleich den Grenzen, welche einst bestanden zwischen den Stämmen jenseits und diesseits des Jordan. Nicht sind bestimmten Personen bestimmte Aufgaben zugewiesen. Es fehlt die Norm, nach der man sich zu richten hat. Alles ist so verworren und untereinander, und wir sind in so schlimmer Lage, daß die meisten aus uns ― um nicht zu sagen alle ―, noch ehe ihnen die ersten Haare geschnitten sind, und sie das Kinderstammeln verloren haben, ehe sie die göttlichen Vorhöfe betreten, ehe sie von den heiligen Schriften nur die Namen wissen, ehe sie vom Neuen und Alten Testamente Sprache und Autoren kennen, um nicht zu sagen: ehe sie sich noch vom Schmutze und den durch die Sünde verursachten Seelenflecken rein gewaschen haben ―1. Wenn wir zwei oder drei fromme Sprüche handhaben und zwar nicht, weil wir dieselben gelesen haben, sondern weil wir durch Hören davon wissen, oder wenn wir nur kurze Zeit uns mit David abgegeben haben oder wir den Philosophenmantel hübsch zu tragen verstehen oder bis zum Gürtel Philosophen sind und mit eingebildeter, scheinbarer Frömmigkeit uns schminken: da soll man schon von Vorstehern und von Weisheit reden! Da Samuel schon von der Wiege an heilig war2, meinen wir auch sofort, Weise und Lehrer zu sein, erleuchtet in den göttlichen Dingen und in den vorzüglichsten Kenntnissen der Schriftgelehrten und Gesetzeslehrer. Wir zählen uns selbst zu den himmlischen Männern und verlangen von den Menschen, Rabbi genannt zu werden3. Nirgends soll der Buchstabe gelten, alles soll [S. 32] geistig verstanden werden. Und obwohl solche Träumereien leeres Geschwätz sind, sind wir ungehalten, wenn wir nicht großes Lob finden. In solcher Weise reden diejenigen unter uns, welche noch zu den Besseren und Bescheideneren gehören. Wie aber machten es die, welche geistlicher und edler zu sein wähnen? Vielfach verdammten sie uns, wenn es ihnen so gefiel, verfolgten und entehrten uns und sagten sich von uns los unter dem Vorwand, sie wollten mit Gottlosen keine Gemeinschaft pflegen.

1: Der Nachsatz fehlt. Es ist etwa zu ergänzen: „schon predigen und erziehen“.
2: Vgl. 1 Kön. 2, 11 [1 Samuel nach neuerer Zählart].
3: Vgl. Matth. 23, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger