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Hieronymus († 420) - Briefe
II.c. Aszetische Briefe. Pädagogische Briefe
128. An Pacatula

5.

Schrecklich! Die Welt bricht zusammen, aber nicht die Sünde in uns. Unsere berühmte Stadt, das Haupt des römischen Reiches, fiel einer einzigen Feuersbrunst zum Opfer. Es gibt keine Gegend, in der man nicht auf Flüchtlinge aus Rom stößt. Die einst geheiligten Kirchen sind in Staub und Asche zerfallen, und wir dienen der [S. 411] Habsucht. Wir leben, sozusagen morgen schon dem Tode verschrieben, und führen Bauten auf, als ob wir ewig auf Erden lebten. 1 Von Gold strahlen die Wände, von Gold strahlen die Decken, von Gold strahlen die Kapitale, während vor unseren Türen Christus in den Armen nackt und hungrig stirbt. Wir lesen, daß sich der Hohepriester Aaron den wütenden Flammen entgegenstellte, das Rauchfaß emporhielt und so Gottes Zorn besänftigte. 2 Der Hohepriester stand zwischen Tod und Leben; aber das Feuer wagte nicht, weiter vorzurücken, Zu Moses sprach der Herr: „Laß mich, ich will dieses Volk vernichten.“ 3 Wenn er sagt „Laß mich“, so zeigt er damit, daß er sich unter Umständen davon abbringen läßt, die Drohung auszuführen. Denn das Gebet seines Dieners hemmte die Macht Gottes. Wer ist denn jetzt auf Erden, der dem Zorne Gottes in die Arme fallen könnte, der sich den Flammen entgegenstellen und mit dem Apostel ausrufen möchte: „Ich wünschte zum Fluche zu werden für meine Brüder“? 4 Mit den Hirten gehen die Herden zugrunde, denn wie das Volk so der Priester. 5 Moses spricht voller Mitleid: „Willst Du diesem Volke verzeihen, so verzeihe ihm; wenn nicht, so tilge mich aus Deinem Buche.“ 6 Mit den Untergehenden will er untergehen; denn allein Rettung zu finden, genügt ihm nicht. „Die Menge des Volkes macht des Königs Ehre aus.“ 7 In solchen Zeiten ist unsere Pacatula zur Welt gekommen. Das ist das Spielzeug, mit dem sie ihre erste Kindheit verlebt. Sie lernt eher das Weinen kennen als das Lachen, eher die Tränen als die Freude. Kaum ist sie in die Welt eingetreten, da wird sie Zeuge ihres Unterganges. Mag sie glauben, die Welt sei immer so gewesen! Sie möge sich nicht um die Vergangenheit [S. 412] kümmern, die Gegenwart fliehen und sich nur nach dem Zukünftigen sehnen! Meine Anhänglichkeit an Dich, lieber Bruder Gaudentius, hat mich dazu bewogen, in aller Hast diese Zeilen zu diktieren trotz des Verlustes meiner Freunde, trotz der nicht mehr endenwollenden Trauer. So habe ich denn als Greis, der schon längst abberufen sein sollte, an das Kind geschrieben. Lieber wollte ich wenig als gar nichts dem Bittenden geben. So blickt wenigstens der gute Wille aus der Trauerstimmung heraus, während ich im anderen Falle gegen unsere Freundschaft gesündigt hätte.

1: Tertullian, Apolog. 39 (BKV XXIV 145); vgl. S. 209 ep. 123, 14 ad Geruchiam.
2: Num. 16, 46 ff.
3: Exod. 32, 10.
4: Röm. 9, 3.
5: Matth. 26, 31; Mark. 14, 27; Osee 4, 9.
6: Exod. 32, 31 f.
7: Sprichw. 14, 28.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger