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Hieronymus († 420) - Briefe
II.c. Aszetische Briefe. Pädagogische Briefe
107. An Laeta über die Erziehung ihrer Tochter

4.

Nun will ich Dir zeigen, wie eine Seele zu erziehen ist, die ein Tempel des Herrn werden soll. Sie darf nur Dinge hören und sprechen, die Gottesfurcht atmen. Schmutzige Worte soll sie gar nicht verstehen, weltliche Lieder sollen ihr unbekannt bleiben. Schon in den frühesten Kindesjahren soll sich die zarte Zunge mit den frommen Psalmen vertraut machen. Knaben in den Flegeljahren halte von ihr fern! Ihre Dienerinnen und Zofen sollen von der Außenwelt abgeschlossen bleiben, damit sie nicht Schlimmes lernen und noch Schlimmeres lehren. Besorge ihr Buchstaben aus Buchs oder Elfenbein und lasse sie deren Namen lernen! Sie soll damit spielen, und sie wird aus dem Spiele Belehrung schöpfen. Nicht bloß mit der Reihenfolge der Buchstaben soll sie vertraut werden, sondern auch ihre Namen in Verslein festhalten. Sie sollen häufig durcheinandergeworfen, die letzten mit den mittleren und die mittleren mit den ersten vertauscht werden, so daß sie die Buchstaben nicht nur aussprechen, vielmehr auch ihre Form auseinanderhalten kann. 1 Sobald sie beginnt, mit zitternder Hand den Griffel auf der Wachstafel zu führen, dann möge sich eine zweite Hand darüberlegen und die zarten Finger leiten. Man kann auch die Buchstaben in eine Tafel eingraben, und sie muß dann in diesen Furchen den durch den Rand gewiesenen Weg nachgehen, ohne auszubrechen. 2 Laß sie Silben zusammensetzen und gib ihr, wenn’s gelingt, eine kleine Belohnung! Was den Kindern in diesem Alter Freude machen kann, dazu sollen kleine Geschenke anregen. Laß sie zusammen mit einigen Gespielinnen lernen! Das weckt den Ehrgeiz, und das gespendete Lob regt das Ehrgefühl an. Geht es [S. 390] nicht rasch genug voran, dann sollst Du nicht gleich schelten, sondern durch ein anerkennendes Wort aufmuntern, so daß es sie freut, wenn sie es besser gemacht hat als die anderen, oder sich grämt, falls sie zurücksteht. Man muß vor allem vermeiden, daß sie Widerwillen gegen das Lernen faßt; denn sonst könnte die in der Jugend einsetzende Abneigung über die unverständigen Kinderjahre hinaus anhalten. 3 Die Buchstaben, aus denen sie allmählich Worte zusammenfügt, sind nicht dem Zufall zu überlassen, sondern es sollen bestimmte, mit Absicht gewählte Namen sein, z.B. die der Propheten und Apostel und die ganze Reihe der Patriarchen von Adam an, wie sie sich bei Matthäus und Lukas findet. 4 Was sie zu einem anderen Zwecke tut, dient so dazu, für die Zukunft das Gedächtnis zu stützen. Dann mußt Du einen älteren Lehrer von gutem Ruf und guten Kenntnissen aussuchen. Ich glaube nicht, daß ein gelehrter Mann sich schämen wird, an einer Verwandten oder Tochter eines vornehmen Hauses zu tun, was Aristoteles an Philipps Sohne getan hat, 5 um ihm gegen die übliche Bezahlung die Anfangsgründe des Wissens beizubringen. Nie darf man das geringschätzen, was die Voraussetzung für Größeres ist. Selbst die Aussprache der Buchstaben und der erste Unterricht fließen ganz anders aus dem Munde eines gelehrten als eines ungebildeten Lehrers. Trage daher auch Sorge, daß Deine Tochter sich nicht der törichten Manier gewisser Frauen anpaßt, indem Du sie etwa gewöhnst, die Worte nur halb auszusprechen 6 und mit Gold und Purpur zu spielen. Das eine schadet der Aussprache, das andere dem Charakter. Sie könnte sonst im zarten Alter lernen, was man ihr später wieder abgewöhnen muß. Man erzählt, daß die Aussprache der Mutter schon von Jugend an den Grund zur Beredsamkeit der Gracchen gelegt [S. 391] hat, während Hortensia bereits auf den Knien des Vaters ihre erste Ausbildung in der Redekunst erhielt. 7 Es ist schwierig, später auszumerzen, was der jugendliche Geist in sich aufgenommen hat. Wer kann der Purpurwolle ihren ursprünglichen Glanz wiedergeben? Ein ungebrauchtes Gefäß behält lange den Geschmack und den Geruch seines ersten Inhaltes. 8 Die griechische Geschichte berichtet, daß Alexander, jener mächtige König und Bezwinger des Erdkreises, sich in Benehmen und Haltung nicht von den Fehlern freimachen konnte, die er als Kind von seinem Lehrer Leonides angenommen hatte. 9 Wer das Böse nachahmt, bewegt sich auf abschüssiger Bahn, und leicht gewöhnt man sich die Fehler eines anderen an, wenn man seine guten Eigenschaften nicht nachahmen kann. Bei der Auswahl einer Amme achte darauf, daß sie nicht dem Weine ergeben, nicht genußsüchtig und nicht geschwätzig sei. Die Erzieherin sei bescheiden, ihr Erzieher ernst. Wenn sie den Großvater sieht, so möge sie in seine Arme eilen, sich an seinen Hals hängen und ihm, auch wenn er es nicht hören will, das Alleluja vorsingen. Die Großmutter soll sie scherzend dem Großvater entziehen, den Vater soll sie am Lachen erkennen, 10 gegen alle sei sie liebenswürdig. Die ganze Verwandtschaft soll sich an der Rose erfreuen, die aus ihrem Stamme hervorging. Frühzeitig erfahre sie, was für eine andere Großmutter und Tante sie noch besitzt, 11 für welchen Kaiser und für welches Heer sie als kleine Rekrutin erzogen werden soll. Erwecke in ihr die Sehnsucht, Großmutter und Tante zu sehen und bei ihnen wohnen zu wollen.

[S. 392]

1: Quintilian, Instit. orat. I 1, 26. 25.
2: Ebd. I 1, 27.
3: Quintilian, Instit. orat. I 1, 20.
4: Matth. 1, 1 ff.; Luk. 3, 23 ff.
5: Quintilian, Instit. orat. I 1, 23 f.
6: Vgl. ep. 22, 29 ad Eustoch. (S. 99).
7: Quintilian, Instit. orat. I 1, 6. Hortensia, die Tochter des berühmten Redners Q. Hortensius, hielt im Jahre 42 v. Chr. mit Erfolg eine Rede gegen die Triumvirn, welche den Matronen eine schwere Steuer auferlegen wollten (vgl. Valerius Maximus VIII 3, 3).
8: Horaz, Ep. I 2, 69 f.
9: Quintilian, Instit. orat. I 1, 9.
10: Vergil, Buc. IV 60.
11: Paula und Eustochium.

 

 

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