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Hieronymus († 420) - Briefe
II.c. Aszetische Briefe. Pädagogische Briefe
107. An Laeta über die Erziehung ihrer Tochter

10.

Sie lerne Wolle kämmen, den Spinnrocken halten, das Wollkörbchen auf den Schoß setzen, die Spindel drehen und den Faden mit dem Daumen ausziehen. Sie gebe sich aber nicht mit Seide und serischen Stoffen 1 oder mit golddurchwirkten Geweben ab. Die Kleider, die sie sich anfertigt, sollen gegen Kälte Schutz bieten, aber kein Mittel sein, um den entblößten Körper zur Schau zu tragen. Aus Gemüse und Weißbrot setze sich ihre Nahrung zusammen, ab and zu gib ihr auch einige kleine Fische! Um mich nicht allzulange beim Küchenzettel aufzuhalten, über den ich mich ja an anderer Stelle ausführlich geäußert habe, 2 halte es mit dem Essen so, daß sie ständig Hunger verspürt. Dann kann sie auch sofort nach der Mahlzeit lesen, beten und Psalmen singen. Dagegen gefällt mir gar nicht, besonders bei jugendlichem Alter, langes und übertriebenes Fasten, das wochenlang anhält, bei dem noch der Gebrauch von Speiseöl und von Obst untersagt ist. Ich weiß aus Erfahrung, daß ein Eselchen, wenn es unterwegs matt wird, gar zu leicht vom geraden Weg abkommt. Das ist etwas für die Verehrer der Isis und der Kybele, 3 die in schwelgerischer Enthaltsamkeit Fasanen und dampfende Turteltauben verzehren, natürlich nur, um die Gaben der Ceres nicht zu entweihen. Für ein ununterbrochenes Fasten gelte als Grundsatz, daß für eine lange Reise ständige Kräftigung erforderlich ist. Überanstrengt man sich bei Beginn, bricht man nachher mitten auf dem Wege zusammen. Im übrigen sind, wie ich früher einmal schrieb, während der vierzigtägigen Fasten alle Segel der Enthaltsamkeit zu hissen, und der Kutscher muß den dahinjagenden Pferden alle [S. 399] Zügel freigeben. Freilich ist bei Weltleuten ein anderer Maßstab anzulegen als bei gottgeweihten Jungfrauen und Mönchen. Der in der Weit lebende Mensch zehrt während der Fastenzeit von dem, was er in seinem Magen aufgespeichert hat. Er gleicht der Schnecke, die von ihrem eigenen Schleime sich nährt, und bereitet den Magen für neue Speisen und die zukünftige Ernährung vor. Die Jungfrau und der Mönch sollen während der Fastenzeit ihre Pferde nur soweit anstrengen, daß man merkt, sie wissen, daß die Fahrt nie unterbrochen werden darf. Eine Anstrengung auf Zeit darf größer sein, eine ständige erfordert weises Maßhalten der Kräfte. Dort handelt es sich nur um eine Atempause, hier aber heißt es ständig weitergehen.

1: Die Serer wohnten in der kleinen Bucharei und im nordwestlichen China. Sie waren berühmt durch die Anfertigung seidenartiger Stoffe.
2: Ep. 54, 9 f. ad Furiam (s. S. 158 ff.).
3: Der Kult der beiden Göttinnen, als Symbol der lebenerzeugenden Natur verehrt, wurde in der späteren Zeit nicht mehr scharf auseinandergehalten (s. auch S. 48, Anm. 1).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger