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Hieronymus († 420) - Briefe
II.b. Aszetische Briefe: Mahnbriefe
122. An Rusticus über die Buße

1.

Wenn ich es wage, an Dich zu schreiben, obwohl wir uns gegenseitig nicht kennen, so geschieht es auf Bitten der heiligen Dienerin Christi Hedibia und meiner heiligen Tochter, Deiner Gattin Artemia, die, richtiger gesagt, jetzt Deine Schwester ist und Deine Mitdienerin im Herrn. Ihre eigene Rettung beruhigt sie keineswegs. Wie einst in der Heimat, so sucht sie auch an den heiligen Stätten Deine Rettung zu sichern. Sie bemüht sich, es den Aposteln Andreas und Philippus gleichzutun. Von Christus berufen, suchte der eine seinen Bruder Simon, der andere seinen Freund Nathanael auf. So konnte der eine das Wort des Herrn vernehmen: „Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst in Zukunft Kephas, d.h. Fels, heißen.“ Der andere aber, das Gottesgeschenk — das bedeutet Nathanael in unserer Sprache 1 —, sollte aus Christi Mund das herrliche Lob vernehmen: „Dieser ist ein wahrer Israelit, an dem kein Falsch ist.“ 2 Einst wollte Lot mit seinen Töchtern seine Gattin retten. [S. 349] Selbst halbverbrannt, suchte er sie, die noch in den alten Lastern verstrickt war, aus dem Feuermeer Sodomas und Gomorrhas herauszuführen. Aber in der Angst der Verzweiflung schaute sie zurück und wurde so zum ewigen Schandmal des Unglaubens. Hingegen rettete sein feuriger Glaube, nachdem er die eine Gattin verloren hatte, die ganze Stadt Segor. Er verließ die Täler und die Finsternis Sodomas und stieg hinauf ins Gebirge. Dort ging ihm in Segor, das „die Kleine“ bedeutet, 3 die Sonne auf, damit der kleine Glaube Loths, der nicht ausreichte, die größeren Städte zu retten, wenigstens den kleineren Hilfe brächte. 4 Denn der einstige Einwohner Sodomas, der bis dahin im Irrtum gewandelt war, 5 konnte nicht gleich nach dem Süden gelangen, wo Abraham, der Freund des Herrn, Gott mit seinen Engeln gastlich aufnahm, 6 wo Joseph seine Brüder, die nach Ägypten gekommen waren, mit Nahrung versorgte, 7 wo die Braut zum Bräutigam spricht: „Wo führst du deine Herde zur Weide, wo rastest du am Mittag?“ 8 Einst trauerte Samuel über Saul, weil er die Wunde des Stolzes nicht mit der Arznei der Buße zur Heilung brachte. 9 Paulus jammert über die Korinther, weil sie die Makel der Unzucht nicht mit ihren Tränen tilgen wollten. 10 Deshalb verzehrt auch Ezechiel das Buch, welches inwendig und auswendig mit Liedern, Klagen und Wehrufen beschrieben war. 11 Die Lieder waren ein Lob der Gerechten, die Klage galt den Büßenden. Der Wehruf aber faßte jene ins Auge, von denen geschrieben steht: „Wenn der Gottlose in den Abgrund der Sünde fällt, so macht er sich nichts daraus.“ 12 An [S. 350] diese denkt auch Isaias, wenn er sagt: „An jenem Tage rief der Herr der Heerscharen zum Weinen und Klagen auf, zum Kahlscheren und zum Anlegen des Bußgewandes. Sie aber ergingen sich in Freude und Lust. Sie schlachteten Kälber und töteten Schafe, um ihr Fleisch zu essen, und sprachen: Lasset uns essen und trinken; denn morgen werden wir sterben.“ 13 Auf sie zielt das Wort Ezechiels: „Und du, Menschensohn, sage dem Hause Israel: Ihr habt gesprochen: Unsere Verirrungen und Verfehlungen werden auf uns lasten, und wir werden daran zugrunde gehen. Wie sollten wir gerettet werden? Sage zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht der Herr, ich will nicht des Gottlosen Tod, vielmehr soll er umkehren von seinem Wege.“ 14 An einer anderen Stelle lesen wir: „Kehret um und lasset ab von eurem Wege! Warum willst du sterben, Haus Israel?“ 15 Nichts beleidigt Gott mehr, als wenn man im Schlimmen hängen bleibt, weil man an der Besserung verzweifelt. Denn gerade die Verzweiflung ist ein Zeichen des Unglaubens. Wer nämlich an seinem Heile verzweifelt, glaubt nicht an ein zukünftiges Gericht. Würde er dieses fürchten, so würde er bestimmt dafür sorgen, mit guten Werken vor den Richter treten zu können. Beachten wir, was Gott durch den Propheten Jeremias verkündet: „Lenke deinen Fuß fort vom rauhen Wege und nimm den Durst von deiner Kehle! 16 Soll der, der fällt, sich nicht wieder erheben? Wer vom Wege abgewichen ist, soll der etwa nicht mehr zurückfinden?“ 17 Durch Isaias belehrt er uns: „Wenn du umkehrst und deine Sünden beweinst, dann wirst du Rettung finden und erkennen, wo du gewesen bist.“ 18 Erst dann können wir das Übel der Krankheit richtig erfassen, wenn die Heilung eingetreten ist. Aus dem Laster erkennen wir erst, wieviel des Guten die Tugend in sich birgt; denn das Licht tritt um so schärfer hervor, wenn man es mit der Finsternis vergleicht. Mit denselben [S. 351] Worten, kommen sie doch vom selben Geiste, verkündet Ezechiel: „Bekehret euch und lasset ab von eurer Bosheit, Haus Israel, und eure Gottlosigkeit wird ungestraft bleiben. Werfet von euch alle eure Missetaten, mit denen ihr gegen mich gefrevelt habt. Schaffet ein neues Herz und einen neuen Geist in euch! Weshalb sollt ihr denn sterben, Haus Israel? Denn ich will nicht den Tod des Sünders, spricht der Herr.“ 19 Kurz darauf heißt es dann: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er umkehre von seinem Wege und lebe.“ 20 Die ungläubige Seele soll nicht an der Verheißung des Guten verzweifeln; der dem Verderben verfallene Geist soll die Heilung der Wunde nicht vernachlässigen und keineswegs meinen, jegliche Rettung sei ausgeschlossen. Deshalb schwört der Herr. Wenn wir Gottes Versprechungen nicht glauben wollen, so sollen wir wenigstens dem glauben, was er in Sachen unseres Heiles, mit einem Schwur bekräftigt. Aus diesem Grunde betet der Gerechte: „Bekehre uns, o Herr, unser Retter, und wende deinen Grimm ab von uns! 21 Herr, nach deinem Wohlwollen hast du Kraft verliehen meiner Schönheit. Aber du wandtest dein Angesicht von mir, und ich wurde verwirrt.“ 22 Nachdem ich nämlich für meine Fehler in all ihrer Häßlichkeit die Schönheit der Tugenden eingetauscht habe, hast du meine Schwäche durch deine Gnade gestärkt. Ich vernehme deine Verheißung: „Ich werde meine Feinde verfolgen und sie ergreifen. Nicht eher werde ich umkehren, bis sie vertilgt sind.“ 23 Aber mich, der ich Dich früher floh und Dein Feind war, nimmst Du an Deiner Hand. O höre nicht auf, mich zu verfolgen, bis ich mich von meinem schlechten Wege abwende und zu meinem einstigen Gatten zurückkehre, der mir Leinwand, Öl und Weizenbrot gab und mich mit den fettesten Speisen nährte. 24 Deshalb hat er meine [S. 352] schlimmen Wege mit einem Zaune umgeben und verschlossen, damit ich den Weg finde, 25 der im Evangelium spricht: „Ich bin der Weg, das Leben und die Wahrheit.“ 26 Höre, wie der Prophet schreibt: „Wer in Tränen sät wird in Freuden ernten. Sie gingen hinaus, und unter Tränen streuten sie ihren Samen aus, aber frohlockend werden sie zurückkehren, beladen mit ihren Garben.“ 27 Sprich mit dem Propheten: „Unter Seufzen habe ich mich abgemüht. Jede Nacht wasche ich mein Bett und benetze mein Lager mit meinen Tränen. 28 Wie der Hirsch sich sehnt nach den Wasserquellen, so sehnt sich meine Seele nach Dir, o Gott. Meine Seele dürstet nach dem starken und lebendigen Gott. Meine Tränen sind mir zum Brot geworden Tag und Nacht. 29 Gott, mein Gott! In der Frühe, wenn ich aufwache, wende ich mich hin zu Dir. Nach Dir dürstet meine Seele, und mein Fleisch verzehrt sich in Sehnsucht nach Dir. Im wüsten, weg- und wasserlosen Lande, so erscheine ich vor Dir im Heiligtume.“ 30 Der Sinn ist folgender: „Wenn auch meine Seele nach Dir dürstet, so konnte ich Dich doch nur mit vieler Mühe suchen, niedergedrückt durch das Gewicht meines eigenen Fleisches. Nicht eher konnte ich vor Dir in Deinem Heiligtume erscheinen, ehe ich nicht in dem Lande verweilte, aus dem die Sünde verbannt war, in dem die widrigen Mächte keinen Weg fanden, das frei war von der Feuchtigkeit und dem Rheuma jeder bösen Begierlichkeit.“ Es weinte auch der Herr über die Stadt Jerusalem, weil sie keine Buße tat. 31 Petrus aber wusch die dreifache Verleugnung durch seine bitteren Reuetränen fort 32 und erfüllte so das Wort des Propheten: „Meine Augen vergossen Ströme von Tränen.“ 33 Auch Jeremias klagt über das Volk, das keine Buße tut, und spricht: „Wer gibt meinem Haupte Wasser [S. 353] und meinen Augen einen Quell von Tränen, damit ich Tag und Nacht über dieses Volk weine?“ 34 Warum er aber klagen und weinen möchte, darüber läßt er sich in folgenden Worten aus: „Weinet nicht über einen Toten, höret auf, ihn zu betrauern! Weinet und trauert vielmehr über den, der fortgeht und nicht mehr zurückkehrt!“ 35 Wir sollen also nicht klagen über Heiden und Juden, die nicht zur Kirche gehören und ein für allemal tot sind. Denn von ihnen sagt der Herr: „Lasset die Toten ihre Toten begraben!“ 36 Unsere Klage gelte denen, die infolge ihrer Vergehen und Sünden aus der Kirche ausscheiden und den Weg zu ihr nicht mehr zurückfinden wollen, weil sie ihre Fehltritte nicht bereuen. Deshalb ergeht das Wort des Propheten an die Priester, welche Mauern und Türme der Kirche genannt werden: „Ihr Mauern Jerusalems, vergießet Tränen“ 37 und erfüllet das Wort des Apostels: „Freuet euch mit den Fröhlichen und weinet mit den Weinenden!“ 38 So möget ihr die harten Herzen der Sünder durch eure Trauer zu Tränen rühren. Sonst trifft auf sie, falls sie in der Bosheit verharren, das Wort zu: „Ich habe dich gepflanzt als einen fruchtbaren Weinberg, ganz wie er sein soll. Warum bist du ausgeartet in die Bitternis der wilden Rebe? 39 Zum Holze sprachen sie: Mein Vater bist du, und zum Steine: Du hast mich gezeugt. Ihren Rücken kehrten sie mir zu, nicht aber ihr Angesicht.“ 40 Der Sinn ist: „Sie wollten sich nicht zu mir bekehren, um Buße zu tun. Vielmehr kehrten sie mir in ihrer Herzenshärte den Rücken zu, um mir ihre Verachtung zu bezeigen.“ Deshalb spricht auch der Herr zu Jeremias: „Hast du gesehen, was die Einwohner Israels mir angetan haben? Sie gingen fort auf alle Bergeshöhen und unter jeden belaubten Baum. Dort trieben sie Unzucht. Ich aber sprach, nachdem sie [S. 354] sich im Laster ausgetobt hatten: Kehret zurück zu mir! Sie aber sind nicht zurückgekehrt.“ 41

1: נָתַן אֵל = Gott hat gegeben.
2: Joh. 1, 40 ff.
3: צוֹעַר abgeleitet vom Stamme צער mit dem Grundbegriff „klein“.
4: Gen. 19, 15 ff.
5: Hieronymus deutet Gomorrha als Blindheit (vgl. Wutz, Onom. sacra. Leipzig 1914, 633. 636). Daher „Gomorrae quondam et erroris habitator“.
6: Gen. 18, 1 ff.
7: Ebd. 50, 21.
8: Hohel. 1, 6.
9: 1 Kön. 15, 11.35.
10: 1 Kor. 5, 2.
11: Ezech. 2, 9; 3, 1 f.
12: Sprichw. 18, 3.
13: Is. 22, 12 f. (nach LXX).
14: Ezech. 33, 10 f.
15: Ebd. 33, 11.
16: Jer. 2, 25 (nach LXX).
17: Ebd. 8, 4.
18: Is. 30, 15 (nach LXX).
19: Ezech. 18, 30 ff.
20: Ebd. 33, 11.
21: Ps. 84, 5.
22: Ebd. 29, 8.
23: Ebd. 17, 38.
24: Ezech. 16, 13. 18 f.
25: Osee 2, 6.
26: Joh. 14, 6.
27: Ps. 125, 5 f.
28: Ebd. 6, 7.
29: Ebd. 41, 2 ff.
30: Ebd. 62, 2 f.
31: Luk. 19. 41 ff.
32: Matth. 26, 75.
33: Ps. 118, 136.
34: Jer. 9, 1 (nach LXX).
35: Ebd. 22, 10.
36: Matth. 8, 22; Luk.9, 60.
37: Klagel. 2, 18 (nach LXX).
38: Röm. 12, 15.
39: Jer. 2, 21 (nach LXX).
40: Ebd. 2, 27.
41: Jer. 3, 6 f. (nach LXX).

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger