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Hieronymus († 420) - Briefe
II.b. Aszetische Briefe: Mahnbriefe
117. An Mutter und Tochter in Gallien

4.

Vielleicht erhalte ich zur Antwort: „Die Mutter führt sich nicht gut auf, ist weltlich gesinnt, liebt den Reichtum und haßt das Fasten; mit Spießglas schwärzt sie ihre Augen, sie will geputzt einhergehen und hat eine Art zu leben, die meinem heiligen Entschlüsse voll und ganz entgegengesetzt ist. Mit einer solchen Person kann ich nicht zusammenhausen.“ Angenommen, sie ist so, wie Du sie schilderst; um so größer ist Dein Verdienst, wenn Du sie nicht im Stiche läßt. Sie hat Dich lange in ihrem Schöße getragen, lange genährt und in liebevoller Mütterlichkeit Deine nicht immer angenehmen [S. 337] kindlichen Unarten ertragen. Sie wusch die schmutzigen Windeln und verunreinigte sich nicht selten mit dem unsauberen Kote. Als Du erkranktest, saß sie an Deiner Seite. Deinetwegen hat sie nicht nur ihre eigenen Leiden ertragen, sondern auch die Deinen mit gekostet. Bis jetzt hat sie sich um Deine Erziehung angenommen und Dich gelehrt, Christus zu lieben. Dir dürfte doch der Umgang mit jemandem, der Dich als Jungfrau Christus, Deinem Bräutigam, zugeführt hat, keine Last sein. Kannst Du es aber nicht aushalten und an ihren Vergnügungen keine Freude finden, ist Deine Mutter, wie man so sagt, ein Weltkind, dann suche die Gesellschaft anderer Jungfrauen, die ein durch Keuschheit geheiligtes Leben führen. Warum verlassest Du Deine Mutter und wohnst mit jemand zusammen, der vielleicht selbst Schwester und Mutter verlassen hat? Du antwortest: „Mit ihr kommt man nur schwer, mit ihm aber leicht zurecht; sie ist unausstehlich, aber er ist eine friedliche Natur.“ Ich frage Dich: „Bist Du dem Manne nachgelaufen oder bist Du ihm erst später 1 begegnet? Bist Du ihm nachgelaufen, dann liegt es auf der Hand, warum Du die Mutter verlassen hast. Hast Du ihn erst nach der Trennung kennengelernt, dann verrätst Du damit, was Dir im Hause Deiner Mutter gefehlt hat.“ Du erwiderst: „Du bist ein harter Lehrmeister, da du mich mit meinem eigenen Dolche verwundest.“ 2 Die Schrift sagt: „Wer einfältig wandelt, der wandelt sicher.“ 3 Wenn mich mein Gewissen belastete, würde ich schweigen, nicht an anderen meine eigene Sünde rügen und mit dem Balken im eigenen Auge den Splitter im Auge des Nächsten sehen. 4 Da ich aber jetzt fernab zusammen mit den Brüdern wohne, mit ihnen unter Zeugen in ehrbarer Weise Zeltgemeinschaft pflege und selten jemand sehe oder von jemandem gesehen werde, so ist es schon ein starkes Stück, nicht [S. 338] die Zurückhaltung zu üben, die ein Mann innehält, dessen Stand Du zu dem Deinen gemacht hast. Du wirst sagen: „Auch mir genügt mein Gewissen. Ich habe den Herrn zum Richter, der Zeuge meines Lebenswandels ist. Um der Menschen Gerede kümmere ich mich nicht.“ 5 Vergiß aber nicht, was der Apostel schreibt: „Man muß sich des Guten befleißigen nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen.“ 6 Wenn Dich jemand tadelt, daß Du eine Christin und Jungfrau bist, so kümmere Dich nicht darum! Wirft man Dir vor, daß Du Deine Mutter verlassen hast, um in einem Kloster unter Jungfrauen zu leben, so kannst Du auf einen solchen Tadel nur stolz sein. Kann man eine gottgeweihte Jungfrau nicht eines lockeren Lebenswandels, sondern nur einer gewissen Herzenshärte bezichtigen, so hat es in diesem Falle nichts auf sich. Solche Grausamkeit ist echte Kindesliebe; denn Du stellst nur den über Deine Mutter, den Du über Dein eigenes Leben zu stellen gehalten bist. Wenn Deine Mutter ihn in gleicher Weise hochschätzt, dann wird sie in Dir nicht nur die Tochter sehen, sondern auch eine Schwester wiederfinden.

1: Nach der Trennung von der Mutter.
2: Terentius, Adelphi 958.
3: Sprichw. 10, 9.
4: Matth. 7, 4; Luk. 6, 41.
5: Cicero, Ep. ad Att. XII 28, 2.
6: Röm. 12, 17.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger