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Hieronymus († 420) - Briefe
II.b. Aszetische Briefe: Mahnbriefe
79. An Salvina

1.

Ich fürchte, daß man mir Ehrgeiz unterstellen wird, wo ich glaube, aus Pflicht handeln zu müssen, um dem Beispiel dessen zu folgen, der sagt: „Lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen.“ 1 Man wird mir Ruhmsucht vorwerfen und mir nachsagen, ich gehe unter dem Vorwande, eine trauernde Witwe zu trösten, darauf aus, mich in die Gunst eines fürstlichen Hofes einzuschmeicheln und mir die Freundschaft der Großen zu sichern. Wer freilich das Gebot kennt: „Auf die Person des Armen sollst du im Gerichte keine Rücksicht nehmen“, 2 damit wir nicht in einer Anwandlung von Mitleid das Recht beugen, wird nicht auf solche Gedanken kommen. Denn ein jeder von uns muß [S. 314] gerichtet werden nicht nach der Bedeutung seiner Person, sondern aus sachlichen Erwägungen heraus. Dem Reichen schadet sein Reichtum nichts, wenn er ihn gut anwendet; und die Dürftigkeit ist für den Armen keine besondere Empfehlung, wenn er zwar vor Schmutz starrt und heimgesucht wird vom Elend, aber die Sünde nicht meidet. Für beide Behauptungen kann ich den Beweis erbringen, wenn ich mich auf Abraham berufe, den Patriarchen, und auf die Vorkommnisse des Alltags. Der Patriarch war trotz seines großen Reichtums ein Freund Gottes, 3 während Tag um Tag Arme, die beim Verbrechen ertappt werden, nach der Strenge des Gesetzes büßen müssen. Meine Worte wenden sich nun — sie mag selbst entscheiden, ob an eine Arme oder an eine Reiche, die Besitz hat; denn ich habe nicht ihren Geldbeutel zu untersuchen, sondern hier handelt es sich um die Reinheit des Herzens —, also meine Worte wenden sich an eine Frau, die ich nicht von Angesicht kenne, die aber empfohlen wird durch den Ruf, in dem sie steht, deren Keuschheit in Anbetracht ihrer Jugend besonders anziehend wirkt. Den Tod ihres jugendlichen Gemahls hat sie mit einer Zärtlichkeit beweint, die vorbildlich ist für jede Gattin. Sie hat ihn aber auch mit solcher Ergebenheit hingenommen, daß man sieht, der Tod bedeutet für sie nur eine zeitweise Trennung, aber keinen Verlust. Die Größe des Unglücks wurde zum Maßstab für die Innigkeit ihres Glaubens. Wenn sie auch Sehnsucht hat nach ihrem Nebridius, so vermeint sie doch, in Christus ihn zu besitzen.

Warum schreibe ich nun an eine Frau, die für mich eine Unbekannte ist? Es sind der Gründe drei. Vorab gehört es zu meiner priesterlichen Pflicht, alle Christen wie meine eigenen Kinder zu lieben, da ihr Fortschritt in der Tugend ja auch unser Ruhm ist. Dann war der [S. 315] Vater des Verstorbenen 4 mir in warmer Freundschaft verbunden. Ausschlaggebend aber war, daß ich der Bitte meines Sohnes Avitus 5 nicht widerstehen konnte. In zahlreichen Briefen übertraf er an Ausdauer die Frau, die den harten Richter immer wieder anging und schließlich für sich einnahm. 6 Ständig führte er mir das Beispiel derer vor, an die ich früher über das gleiche Thema geschrieben habe, so daß ich davor zurückscheute, auf meiner Weigerung zu beharren. Es blieb nichts anderes übrig, als mich seinem Wunsche zu fügen, wenn es auch nicht ganz ohne Verstoß gegen die Schicklichkeit geschehen konnte.

1: Matth. 11, 29.
2: Lev. 19, 15.
3: Gen. 13, 2; Jak. 2, 23.
4: Der praefectus praetorio Nebridius zu Konstantinopel, den der Verräter Prokopius im Jahre 365, als er sich zum Gegenkaiser gegen Valens aufwarf, in Haft setzen ließ.
5: Vgl. S. 312 Anm. 1.
6: Luk. 18, 3 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger