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Hieronymus († 420) - Briefe

II.b. Aszetische Briefe: Mahnbriefe

14. An den Mönch Heliodor

[Vorwort]

[S. 276] Die beiden Landsleute Hieronymus und Heliodorus legten bereits während der gemeinschaftlichen Studienzeit 1 zu Rom den Grund zu einer Freundschaft, die bis zum Tode Heliodors nie getrübt wurde. Heliodor wurde Offizier, zog aber bald die Uniform aus, um Mönch zu werden. Im Freundeskreis zu Aquileja fanden sich die beiden jungen Männer wieder zusammen, geeint durch die gleichen religiösen und wissenschaftlichen Interessen. Beide trafen sich im Orient in Antiochien wieder, wo sie sich wiederholt über das Mönchsleben unterhielten. 2 Die Auffassungen der beiden gingen auseinander. Das vollendete Mönchtum war für Hieronymus das Leben in der Einsamkeit, fern vom Geräusch der Welt. Heliodor schwärmte mehr für das aszetische Leben mitten in der Welt. Ihn konnte der Zauber des Orients nicht einfangen. Sein Sehnen ging dahin, das mönchische Leben mit der priesterlichen Tätigkeit zu vereinigen. Ohne eine definitive Absage an das [S. 277] Eremitenleben zu geben, benutzte er den Tod seines Schwagers als willkommenen Anlaß, in die Heimat zurückzukehren, wo er sich der Erziehung seines Neffen Nepotian zu widmen gedachte. In seiner Vaterstadt Altinum, nicht weit von Aquileja wurde er bald Priester und dann Bischof, in welcher Eigenschaft er im Jahre 381 an einem Konzil zu Aquileja teilnahm.

Unser Brief ist nun ein letzter Versuch, den Hieronymus unternimmt, um den Freund für sein Ideal zu gewinnen und in den Orient zurückzurufen, ehe er sich zu fest in die Heimat wieder eingewurzelt hätte. Ständig bestrebt, den Freund nicht zu verletzen, mahnt er ihn in jugendlicher, fast leidenschaftlicher Begeisterung, in die Wüste zu kommen, um ein vollkommener Soldat Christi zu werden. Er läßt alle Künste der Rhetorik und Dialektik, wie sie ihm von der Schule her vertraut waren, spielen. Gewiß fehlt es nicht an Übertreibungen, aber das Schreiben ist echt und sicherlich kein Versuch, sich selbst über die Schattenseiten des Eremitenlebens hinwegzutäuschen. 3 Er weist alte Einwände, die man gegen das Leben in der Einsamkeit vorbringen kann, zurück, betont die Pflichten des monastischen Kriegsdienstes und weist hin auf die Gefahren des Priesteramtes, dessen Verantwortung nicht jeder gewachsen ist. Der Brief klingt aus in eine pathetische Verherrlichung der Harmonie zwischen Wüstenleben und Selbstheiligung.

Freilich Heliodor, der übrigens an den geschilderten Gefahren des geistlichen Amtes nicht scheiterte, sondern ein heiligmäßiger, von allen geliebter und geachteter Bischof wurde, kehrte nicht zurück, aber der engen Freundschaft der beiden Männer tat die stumme Absage keinen Eintrag. Sie blieben in ständiger Verbindung. Mehrere seiner Werke widmete Hieronymus dem Freunde, 4 der ihn seinerseits in seiner wissenschaftlichen [S. 278] Arbeit durch Anregung und geldliche Beihilfe unterstützte. 5

Wenn auch Hieronymus selbst In späteren Jahren seinen Brief an Heliodorus kritischer einschätzte, 6 so hat er doch im Abendlande, wo das Mönchtum in seinen ersten Anfängen stand, Aufsehen erregt. Wissen wir ja doch, daß die vornehme Römerin Fabiola ihn sogar auswendig lernte. 7

Ohne daß man eine genaue Zeit festsetzen kann für die Absendung, ist der Brief naturgemäß in die ersten Jahre des Aufenthaltes in der Chalkis zu verlegen. Die Grenzen liegen zwischen 374 und 378. Cavallera denkt an 376, Pronberger an 375. 8

1: Vgl. Comm. in Abd. praef. (M PL XXV 1151).
2: Bisher nahm man allgemein an, daß Heliodor an der Wallfahrt des hl. Hieronymus nach den heiligen Stätten teilgenommen hatte. Cavallera tritt dem, wie es scheint, mit Recht entgegen. Er läßt die beiden Freunde erst im Orient zusammentreffen, wo Heliodor, von Jerusalem kommend, Hieronymus in Antiochien aufsuchte. Er bestreitet auch, daß Heliodor je in der Wüste Chalkis war. (Vgl. Cav. I 33; II 17. 77.) Außer den von Cavallera angeführten Argumenten möchte ich noch auf den Satz hinweisen: Postularas, ut tibi, postquam ad deserta migrassem, invitatoriam a me scriptam transmitterem. (Ep. 14, 1.).
3: Gr. I 167.
4: Die Übersetzung zu den Büchern Tobias und Judith (vgl. praef. in I. Tob. und praef. in I. Jud. — M PL XXIX 23 f.; 41) und die Übersetzung der salomonischen Schriften (Contra Ruf. II 31 — M PL XXIII 475; vgl. auch praef. in libros Salomonis M PL XXVIII 1305 f.).
5: Praef. in libros Salomonis (M PL XXVIII 1307).
6: Ep. 52, 1 ad Nepotianum.
7: Ep. 7, 9 ad Oceanum (BKV XV 177).
8: Cav. II 16; Pr. 15 f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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